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Zur Kritik der technischen Vernunft

Eine Lecture von Katerina Krtilova und eine Performance von GIESCHEand
Golem, Zeichnung von HeavenMGN

05.11.17, Ballhaus Ost Berlin

17.00 Uhr: “NORMCORE” von GIESCHEand

18:00 Uhr: “Der zweite Gott, Golem und Schach. Zur Kritik der technischen Vernunft” von Katerina Krtilova

19:00 Uhr: Gespräch mit Alexander Giesche und Katerina Krtilova, moderiert von Anneliese Ostertag

 

NORMCORE

In Shape sein zu wollen ist die Norm. Bestseller-Fitness-Apps wie »Freeletics« oder »Runtastic« versprechen Muskelaufbau inklusive umfassender Glücksgefühle. In den Tempeln des Self-Improvement, der Fitness und des Self-Care ist offenkundig, worum es sozial geht: Es wird vorgeführt, nachgeahmt, mit Blicken geliked, gedisst, kontaktet und anschließend gepostet, abermals verglichen, also erneut geliked und gedisst – instagramisiert. Längst sind nicht mehr nur die Körper von Frauen Kulturobjekt; auch die jungen, hetero- wie homosexuellen Männer haben mittlerweile das Body-Shaming für sich entdeckt. Was gilt nun als männlich und was als zu skinny oder boyish? Was wird als schwächlich und was als verweiblicht diskreditiert? Let’s work it out boys: Hypermasculinity!

 

Der zweite Gott, Golem und Schach. Zur Kritik der technischen Vernunft

In seinem Buch God & Golem, Inc. von 1964 erläutert Norbert Wiener, der Vater der Kybernetik, nicht nur die Möglichkeit selbstlernender Maschinen, sondern weist auch auf die Grenzen der Verwendung der Maschine durch den Menschen hin – u.a. mit dem Verweis auf die Legende vom Golem, einem künstlichen Wesen, das der Kontrolle seines Schöpfers entgleitet. Während Wiener auf das notwendigerweise begrenzte Wissen des Programmierers innerhalb der gesetzten Spielregeln abhebt – die die Maschine besser als der Programmierer beherrschen kann – , gibt ca. 20 Jahre später Vilém Flusser, einer der Väter der Medienphilosophie, Wieners Beispiel des Schachs eine neue Wendung: die Bedingungen des Spiels sind nicht ohne den Abgrund jenseits des Schachbretts zu erkennen.

Bestimmt das Spiel des „Operators“ gegen und mit dem Apparat von Wiener bis zu Flussers Philosophie der Fotografie die Möglichkeit und Unmöglichkeit seiner Beherrschung – bis hin zur gottgleichen Allmacht oder Ohnmacht gegenüber göttlichen Mächten – , gilt es heute, diese Gegenüberstellung von Mensch und Technik als solche zu hinterfragen. Die Betonung der ‚menschlichen‘ Seite der Technik kann, ebenso wie die technische – im kybernetischen Sinne mathematische – Modellierung von Natur, Kultur und Gesellschaft, ein Weltverhältnis bestimmen, das von der Steuerbarkeit der erkannten Wirklichkeit ausgeht, von der Machbarkeit und Kontrolle, die den eigenen Körper ebenso die Umwelt einschließen. Eine Alternative dazu, so der Vorschlag, könnte ein Perspektivwechsel bieten, wie ihn Flussers Blick auf und über das Schachbrett hinaus andeutet: das Unkontrollierbare ist jedem Akt des Schaffens eingeschrieben – die Spielregeln bleiben offen. Sind ‚wir‘ die Spieler, die Figuren, das Brett oder seine Ränder?

 

Katerina Krtilova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin des Kompetenzzentrums Medienanthropologie an der Bauhaus-Universität Weimar. Sie hat Anfang 2017 zum Thema „Gesten des Denkens. Vilém Flussers Medienphilosophie“ an der Bauhaus-Universität Weimar promoviert und zusammen mit Kateřina Svatoňová an der Karls-Universität Prag die Forschergruppe Medientheorie/Medienphilosophie gegründet. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medienphilosophie, Medientheorie, Technikphilosophie und das Verhältnis von Performativität, Medialität und Materialität in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts.

 

GIESCHEand ist eine Konstellation unabhängig arbeitender Künstler*innen, die wiederholt für Kollaborationen zusammenkommen. Ihr Künstlerischer Leiter Alexander Giesche studierte am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen und bei DasArts in Amsterdam und war Artist in Residence am Theater Bremen. 2015 eröffnete das visual poem Der perfekte Mensch das Münchner Festival Radikal jung. 2015/16 und 2016/17 realisierte GIESCHEand im Rahmen des vom Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projektes FUTURE SHOCK an den Münchner Kammerspielen verschiedene Stücke und Installationen.

 

Credits (NORMCORE)

mit: Tulga Sahin, Philipp Staschull und dem Münchner Knabenchor
Chorleitung: Ralf Ludewig
Regie: Alexander Giesche
Kostüme: Veronika Schneider
Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Produktionsleitung: Hannah Saar
Regieassistenz: Juliane Hahn

Eine Produktion von GIESCHEand in Kooperation mit den Münchner Kammerspielen. Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes. Die Berliner Aufführungen werden in Kooperation mit warehouse und im Rahmen der Gastspielförderung des Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Warehouse ist ein joint venture zwischen super_filme e.V. und flatness, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und das Ministerium für Kultur NRW.