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„Sie KENNT keinen Haß.“ Tagebuch-Lektüre

von Tilman Richter
Notiz von Heidi Paris, 1991 © Ellen Thaetner-Paris

www.rainaldgoetz.de


Fußnoten

  1. Abfall, S. 761.

Das Ich als Adresse. Vor sozialen Netzwerken buchstabiert die Domain von Goetz’ Tagebuch-Projekt Abfall für alle die Verschaltung aus, die sich mit den technischen Mitteln des Jahres 1998 vollzieht. Die produktive Kreuzung von Privatem und Öffentlichem wird im online erschienenen Roman eines Jahres nachlesbar.

Mittlerweile führt der Link nur noch zu Goetz’ Verlags-Homepage. Statt der digitalen Fassung liegt vor mir ein 864 Seiten starkes Taschenbuch (dritte Auflage 2015) im unverkennbaren Rot-Orange, das die Goetz-Bücher der späten 90er Jahre im Erscheinungsbild zusammenbindet. Die Spuren, die das Internet als technologische Bedingung von Abfall hinterlassen hat, müssen dem Text ausgelesen werden, nicht den Technologien.

Der Echtzeit-Veröffentlichung von Abfall für alle (es verzeichnet nicht allein die Tage der einzelnen Eintragungen, sondern deren Uhrzeit in quasi-protokollarischer Strenge) ist es zu verdanken, dass seine Lektüre sich gleichzeitig an anderer Stelle artikuliert, die Lesenden darüber hinaus im Text selbst wieder erscheinen. Die Aufgabe des Tagebuchs ist die Moderierung dieser Feedback-Schleifen. Der Titel, den eine Goetz-Figur in der Erzählung mit dem bezeichnenden Titel Dekonspiratione ihrem Referat über Ingeborg Bachmanns Roman-Tagebuch Malina gibt, könnte auch als Motto für Abfall dienen: DISKRETION ALS FORM.

Diskretion beherrscht die Formierung des Textes, weil sie auf die Offenheitsforderung der Tagebuch-Form reagiert, ohne diese abschließend beantworten zu können. Als Maxime fordert sie die Reflexion immer wieder neu: Was gehört hinein, was genau nicht mehr? Diese Formierung des Textes stellt mehr dar als einen ästhetischen oder literarischen Prozess, sie verwaltet Sozialität in der Form der Frage, welches Maß an Persönlichem dem Anderen zugemutet werden kann, wie sehr Andere in Anspruch genommen werden dürfen. Typisch für Goetz formuliert sich das in dem Wunsch: „Ich will die Leute im Grunde absolut in RUHE lassen“, der aber als publizierter Satz gelesen, mindestens notiert sein will.

Die Tagebuch-Lektüre gewinnt aus einer veränderten Perspektive. Sie ist Lektüre einer sozialen Praxis, der Verbindung eines Texts mit seinem Außen (oder mit Goetz emphatisch: den KÖRPERN). Für Abfall sind einige dieser Verbindungen selbst wieder explizit lesbar. So zum Beispiel die “Chroniken” der Merve-Verlegerin Heidi Paris, die auf der ihrem Andenken gewidmeten Homepage www.heidi-paris.de einsehbar sind. Im Jahr 1998 ist bei Merve gerade Goetz’ gemeinsam mit Westbam verfasster Band Mix, Cuts, Scratches erschienen. Paris und Goetz verbindet eine durch den Ort Berlin und die typischen Medien („da ist ein sehr festtagliches Fax von Heidi da“) dieses Jahres vermittelte Nähe, sodass sich die Aufzeichnenden wie ihre Aufzeichnungen an verschiedenen Stellen ineinander kopieren. Heidi Paris, die von sich selbst in der dritten Person schreibt, schildert eine Lektüreszene:

Dienstag, 31. März 1998. Rainald Goetz’ Tagebuch ABFALL FÜR ALLE komplett aus dem Internet runtergeladen/ausgedruckt. Nachts komplette Lektüre der prallgefüllten 121 Seiten. Unangenehm ist ihr nur der aufgedrängte Voyeursblick in seine ‚Stube’, wann er Wäsche wäscht und so weiter, interessant seine Notate/Reflexionen zur eigenen Schreibpraxis, seine Vorbereitungen auf seine Poetikveranstaltungen in Frankfurt. Nur das Internet hat folgenden Nachteil: ‚Die Unmöglichkeit der Antwort und der Vergeltung … darauf beruht das Machtpotential.’ (Baudrillard Der symbolische Tausch und der Tod)

Die erste Eintragung in Abfall vermerkt den 04.02.1998, aber das Internet ist ein noch launisches Medium, online erscheinen die bis dahin gesammelten Einträge zuerst am 30. März. Paris’ Lektüre ist also ein erster Blick, der sich unmittelbar auf die Themen richtet, die Abfall im Weiteren performt. Das erste Urteil verläuft entlang der Unterscheidung „unangenehm“/ „interessant“ und richtet sich auf die Gestaltung von Privatheit im Text: „Der aufgedrängte Voyeursblick“ – die Leserin sieht mehr als sie zeigt, aber auch mehr, als sie sehen will. Die Aushandlung zwischen Eigenem und Anderen wird öffentlich festgeschrieben, es fehlt die Möglichkeit zu Reaktion und Konflikt. Dass gerade das Internet „die Unmöglichkeit der Antwort“ bedingt, erscheint aus heutiger Sicht als nostalgische Pointe. Es sind aber auch gerade die „Notate/Reflexionen zur eigenen Schreibpraxis“, die genau dieses Problem verhandeln. Goetz bereitet die PRAXIS betitelten Poetikvorlesungen vor und dokumentiert diese im Tagebuch und auch seine Lektüre einschlägiger Vorbilder. So landen er und Heidi Paris gleichermaßen bei Ingeborg Bachmann, die bei Paris zur Frage des Individuellen im Text zitiert wird:

Obwohl das Tagebuch-Ich wahllos vorzugehen scheint, ist es von Natur wählerisch. Denn das Ich figuriert nicht etwa als der ganze André Gide, sondern es posiert, ich meine das nicht abschätzig, für den Schriftsteller Gide. Das Tagebuch-Ich hat auch die Besonderheit, daß es die Figur Ich nicht zu erschaffen braucht, genau so wenig wie das Brief-Ich. Es kann gar nicht anders denn als Ich einziehen in den Text.

Das Ich geht der autobiographischen Äußerung voraus und verdoppelt sich somit: Es gibt sich als Inhalt, als Dargestelltes, als Pose, als Figur; auf der anderen Seite handelt es als die auswählende, die darstellende Instanz. Es besitzt die Möglichkeit über die Pose souverän zu gebieten oder mit ihr virtuos zu spielen. Das Tagebuch-Subjekt gründet sich auf die Beobachtung und die Verwaltung dieser Differenz. Darin ist es von anderen Subjektivitäten ununterscheidbar, es legt allerdings den Modus dieser Verwaltung offen.

Paris fragt nach diesem verdoppelten Subjekt in einem am 13. April dokumentierten Brief an Goetz: „Kehrt sich das Verhältnis nicht um, und alles Gelebte wird zum Material degradiert und man lebt für seine Geschichten?“ Vor dieser Gefahr warnt Goetz sich selbst wiederholt in Abfall, er bezeichnet diese Literarisierung des Tagebuch-Ichs als die „Ernst-Jüngerisierung“. Von Interesse für die das Tagebuch nicht nur literarisch Beobachtenden bleibt die Spannung zwischen Aufzeichnung und den Aufzeichnenden. Die allzu souveräne Erzähler*innen-Figur, die das Tagebuch auf eine bestimmte Lektüre hin formt, literarisiert sich selbst und läuft Gefahr, unbeobachtbar, eben zum Autor zu werden. Wo das Tagebuch hingegen selbst im Unklaren bleibt, wie es die Verbindung zum Außen zu ziehen hat, kann sich eine Lektüre einstellen, die überrascht, bisweilen auch unangenehm ist. Der die Verwaltung von Nähe und Distanz verrutscht. Heidi Paris am 4. November 1998:

Die öffentliche Nennung ihres vollen Namens in Goetz’ Internet-Tagebuch hatte sie entsetzt. Es war, als wenn jemand vor allen Leuten mit dem Finger auf sie zeigt. Hatte sie nicht mehr als 25 Jahre genossen, quasi incognito ihren Verlag machen zu können?! Sie liebte eigentlich bei der Lektüre von Goetz’ Tagebuch, daß es wie eine Flaschenpost wirkte. Man durfte sich angesprochen fühlen, wovon man wollte. Die Namensnennung verdarb dieses beziehungsreiche Spiel. Nun ja. Mancher Ernst der Sache gebot vielleicht die Faktizität.

Notiz von Heidi Paris, 1991 © Ellen Thaetner-Paris

Was die Namensnennung verdirbt, ist die Illusion einer Abgeschlossenheit des Textes. Der publizierte Text nimmt es sich heraus, jemanden in sich aufzunehmen. Und das an dieser Stelle nicht bloß zufällig, sondern durchaus mit der Sache folgender Intention: „Was Heidi Paris gestern sagte, war etwas total Extremes: sie sagt, sie KENNT keinen Haß.“ Goetz stellt sich (nachzulesen am 31.10.) Paris gegenüber, ihr Nicht-Hass wird zum Anlass der Frage nach der eigenen Konstitution, in der Hass als Einziges Produktivität gewährleistet. Das Tagebuch-Ich befragt sich selbst, aber es benutzt dazu andere. Hier spricht sich etwas über die Formierung eines Selbst aus, das im Sozialen üblicherweise – aus Gründen der Diskretion, des Anstands, des Takts („man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute“) – verschwiegen wird. Die Bezogenheit auf sich selbst und andere vollzieht sich üblicherweise in Interaktion, der Versuch einer distanzierenden Beschreibung weckt den Verdacht: Will jemand dort sich und damit dieses Spiel des Sozialen beherrschen; die Unterbrechung der Gegenseitigkeit, die Schrift zulässt, für sich nutzen?

Goetz zieht zum Abschluss von Abfall das diesen Umstand beschreibende Fazit:

1929. Die Menschen in meiner Nähe wurden durch Abfall in eine nicht unkomplizierte, seltsame Geschichte verwickelt, und ich war darauf angewiesen, daß man gemeinsam praktisch so tut, als gäbe es das gar nicht. Danke allen, die dieses Diskretions-Spiel so nachsichtig mit mir mitspielten. Es ist mir selbst nicht ganz klar, was für ein Mechanismus das genau ist, der da wirkt. Es hat mit dem Verrat der Schrift zu tun, Thema von Dekonspiratione. Im träumerisch adressat-gerichteten Tasten ist eine Art abstraktes Du entstanden, von dessen Schweigen ich mich angezogen und geführt gefühlt habe meistens. Ich dachte, ich weiß dadurch, was hierher gehört, was nicht.

Die Schrift verrät das Soziale. Sie verkompliziert das „Diskretions-Spiel“, verändert seine Regeln. Sie bringt Selbst und Fremdes in komplizierte Verhältnisse, ihre verräumlichende Aufzeichnung ermöglicht das Hin- und Herspringen, ein Kreuzen. Die Beschreibung des Anderen wird zur Anleitung für mich, die Formierung des Selbst zur Zumutung für Andere. Wir – das Jetzt-Wir 2017 – hat seit 1998 eine Vielzahl medialer Subjekt-, Sozialitäts-, Diskretions-, Netzwerke-Spiele kennengelernt. Online schreiben sich Subjekte als Adressen, und auch ohne diesen Prozess in sozialen Netzwerken explizit zu machen, produzieren Daten und ihre Relationen Subjektivität. Der Umgang mit diesen Möglichkeiten erfordert neue Techniken, er stellt neue Anforderungen daran, was es heißt, sich auf sich selbst zu beziehen. Dazu kann es hilfreich sein, technologische Brüche nicht allzu sehr zu dramatisieren, stattdessen die medial vermittelten Feedback-Strukturen der Kommunikation nachzuzeichnen.

Gerade auch Text ermöglicht Ethnographien des digitalisierten Raums; die Lektion der Ethnographie bleibt dabei bestehen: Nicht nur die Produktion, auch das Auslesen von Daten individualisiert: „Und die eigentliche Antwort des Tagebuchs auf alle Fragen ist doch sowieso dauernd die: wie siehst DU das denn?“ 1

Tilman Richter, Studium der Philosophie und Kulturwissenschaft in Witten und Berlin, arbeitet zu den Medien und der Kapitalisierung von Individualität.