warehouse warehouse

The mask determines the losing

by Daniela Seel, interviewed by Max Wallenhorst, translation: Joel Scott, Charlotte Thießen

Improbable as edibility, but so I ascend.
The ends meet an embrace without settling
and thus, apples, the soft down of – will it be? – love as love’s critique.
(Were you to leave the exhibition space here, your mouths would dissolve into smoke.)
A spring shower I would trust with my life.
That sequoia seeds only germinate after fire – two chicks for that?
To hatch from a custom as appellation,
pecking betwixt, were only edibility to commence.
Kisses, my dearest disconsolate!
Smooth like the chalk of a shell, which, alienating,
engenders apple, cone, tracing back to the dinosaur egg.

 

 

 

Woe, how to squander myself, revoke
my obedience, but before whom?
Their tops strapless, nothing but air, glowing
diadem, twisted against a slight
shore, as if sex knew no passivity.

Don’t hold, endure, endure.
For yet another ample deflation.

But over chasms – read auspices
in lentils, wherein the unhatched
cluck breathlessly, emissaries within me,
disrupting my slumber.

Unreachable you –
Child of no mother, joy demon, duty?

–shh–shhh–

 

 

 

Caught up to corymb,
cabbage leaflet’s leisurely veins, ungainly
before you, under terrible, plodding shadows
– patience. Barely at the flank
of the hand and flattering in its texture,
feverish, this groundedness.
That I still believe with eyes.
Where rain becomes – no convenient eternally,
my language too raw,
devours. I also drink little and foster
my secret receptiveness
from the age of questions, which a polite fervor consumes.
The heavens are bare of time.
Yet the panicles in the room are not
invention, they come from the Reed Sea in a suitcase.
Wing, under which you shake me,
you under no one’s good graces.
That I be contested in duration,
that you safeguard me within your term.

 

 

 

Caught up to corymb,
cabbage leaflet’s leisurely veins, ungainly
before you, under terrible, plodding shadows
– patience. Barely at the flank
of the hand and flattering in its texture,
feverish, this groundedness.
That I still believe with eyes.
Where rain becomes – no convenient eternally,
my language too raw,
devours. I also drink little and foster
my secret receptiveness
from the age of questions, which a polite fervor consumes.
The heavens are bare of time.
Yet the panicles in the room are not
invention, they come from the Reed Sea in a suitcase.
Wing, under which you shake me,
you under no one’s good graces.
That I be contested in duration,
that you safeguard me within your term.

 

 

 

Under maple at first, older still,
older and rising

up to the crinkled forest, to recalcitrance,
up to the shape of a teardrop, at first without wrath,

and summons me
into relation.

Under giants at first, with their moss-scaled
milky lichen doublets – why are you here?

The mask determines the losing, a knight’s game.

With no escape, upward, no soul
at first – or I didn’t know any better.

From the hand, at first
for nurture, out of sensitivity,

frothing snow gloriole,
grazing out.

The holy-ghost water poured over it.

Thus I brood you, thus I clear you out.

Daniela Seel, born 1974 in Frankfurt/Main, is a poet, publisher, editor, and translator. In 2000 she was co-founder of KOOKread, the literary branch of the artist’s network KOOK ‒ together with fellow authors Jan Böttcher, Alexander Gumz, Karla Reimert, and Uljana Wolf. Emerging from KOOK, and supported by book artist and illustrator Andreas Töpfer as Art Director, in 2003 she founded kookbooks – Lab for Poetry as Life Form. Her poems appeared in magazines, newspapers, anthologies, on the internet, and radio. Her first book-length collection of poems I cannot find this place again was published by kookbooks in 2011. Some of her poems were translated into Polish, English, Slovak, Czech, French, Norwegian, Italian, Dutch, Spanish, Serbian, and Croatian. She received the Friedrich Hölderlin Sponsorship Award, the Ernst Meister Sponsorship Award, and the Lotto Brandenburg Art Prize Literature. Daniela Seel lives in Berlin.

COMPANION FACEBOOK CHAT

Max Wallenhorst: Daniela, für mich wird in deinen Gedichten die Verschränkung von Körperlichkeit und Sprache immer wieder sehr gezielt angespielt – das, was daran kippelt genauso wie das, was träge bleibt. Gleichzeitig ist mein Eindruck, dass sich deine Vorgehensweise dabei von deinem ersten Band „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“ über deinen zweiten Band bis hin zu diesen ganz neuen Gedichten sehr verändert hat: Wo vorher die „präzis beschädigten zelle“ vielleicht eher vorsichtig ertastet wurde, rangieren die neuen Texte in ganz anderen Registern: Es wird untröstlich geküsst und gebrütet. Kannst du beschreiben, warum du dich hier durch ein Wortmaterial bewegst, das andere Lyriker*innen als zu, naja, kontaminiert abtun würden? Oder stellt sich das alles für dich überhaupt ganz anders dar?:)

Daniela Seel: Mehr als in den früheren Gedichten interessiert mich bei den jüngeren eine historische Schichtung des Sprachmaterials. Was geschieht mit den heutigen Körpern, wenn ich sie mit „archaischen“ Begriffen wie „Hege“ kurzschließe, wenn ich Küken das Taufen aufmischen lasse? Und dann die Präpositionen, was für tolle Stellschrauben. Als „Verhältniswörter“ setzen sie die sprachlichen Gegenstände zueinander in Beziehung, ordnen, strukturieren, hierarchisieren, definieren Vorder- und Hintergründe und gemeinsamen Raum. Das hat mich schon lange sehr fasziniert. Und in den neuen Texten untersuche ich das eingehender. Die Art, wie sie dynamisieren können, auf eine subtilere, weniger offensichtliche Weise als Verben. Syntaktische Strukturen und wie sie ausgespielt werden, sind für mich deutlich politisch. Die Arbeit am (Gedicht-)Körper und seinen Emanzipationen ist für mich daher ganz klar auch eine an den Sprachstrukturen. An Substantiven wiederum reizt mich sowohl ihre Sperrigkeit als auch ihre Anschaulichkeit. Was für eine fantastische Sache, dass das Deutsche quasi endlos neue Substantive hervorbringen kann, neue Körperlichkeiten, Ideen, Möglichkeitsformen, oder überkommene aufrauen, durch ein sanftes Verschieben, oder auch durch Entkleidung. Etwa die rohe Idee von Essbarkeit, welche erdgeschichtlichen Dramen spielen sich an ihr ab. Solche Abstrakta sind zugleich leer und in ihrer Leere irrwitzige Füllhörner. Für das Gedicht „Hab zum Ebenstrauß aufgeholt“ habe ich mich insbesondere mit Psalm-Übersetzungen ‒ zu Ps 13, 74 und 136 ‒ beschäftigt, nämlich Luther und Buber verglichen, mit der These, dass Luther ein viel weniger ausgereiftes Verständnis von Zeit hat als Buber. Auch im Blick auf die Versammler-(Kohelet-)Übersetzungen geht es für mich hier um das Verhältnis von Luthers eher schwammiger „Zeit“ und „Ewigkeit“ zu Bubers „Dauer“ als göttlicher Zeit gegenüber unserer menschlichen „Frist“. Was macht es mit dem menschlichen oder auch nur dem eigenen Denken, so vom Ende her zu schauen, der eigenen Begrenzung, auf Uneinsehbares, Unverfügbares? Gedichte formal in Korrespondenz mit Gebeten zu begreifen, ist ja nichts Neues. Mich begeistern in diesem Zusammenhang besonders die mitunter als Läster- oder Spottgebete bezeichneten Gedichte Lavants. Wie verändert sich das Selbstverhältnis meiner mehrstimmigen Selbstbefragung Gedicht, wenn seine Adresse auch „Gott“ genannt werden könnte? Entsteht vielleicht eine fruchtbare Symbiose aus Hybris und Demut? Insofern: ein dreckiges Ja zur Kontamination.

 

MW: An mehreren Stellen, zum Beispiel In der Poetry-Ausgabe von Texte zur Kunst ist aktuell von einem poetic turn die Rede, der auch kulturelle Felder jenseits des Literaturbetriebs erfasse. Darauf angesprochen äußerst du dich im Heft dem gegenüber, wenn ich es richtig verstehe, eher ambivalent, gerade dann, wenn damit eine Erhöhung der Unmittelbarkeit verbunden wird – als wäre Dichtung klischeehaft auf Authentizität abonniert. Könntest du dir umgekehrt vorstellen, wie gerade die spezifische Vermittlung und Mittelbarkeit von text-basierten Arbeiten die Diskurse von Körperlichkeit, Gender und Repräsentation in Kunst- und Performancediskursen verändern könnten?

DS: In einem Interview, das ich unlängst mit Yevgenia Belorusets und Charlotte Warsen geführt habe, sprachen beide von dem zunehmenden Druck insbesondere auf bildende Künstler*innen, durch ihre ‒ dokumentarischen, aber nicht nur ‒ Arbeiten unter anderem „Nähe zu erzeugen, die letztlich gar nicht da ist; Distanz zu überbrücken, Ferne nicht auszuhalten, sondern etwas nah ranzuzoomen, was vielleicht gar nicht ranzoombar ist“. Um etwas Ähnliches scheint es mir beim poetic turn zu gehen: eine bestehende existenzielle Verunsicherung durch quasi sanktionierte Gefühle aushaltbarer oder überhaupt handhabbar zu machen. Und das sehe ich durchaus kritisch. Zum Beispiel besteht hier eine ungute Parallele zur emotional labour und Sorgearbeit, wie sie traditionell Frauen unterschwellig und unbezahlt aufgebürdet wird. Auch wird unterschlagen, dass Sprache eben nicht unmittelbar existiert, sondern hochgradig systemisch organisiert ist, überindividuell. Auf das kollektiv Gemachte hinzuweisen, bedeutet insofern auch, auf die Veränderbarkeit der Verhältnisse zu zeigen. Wenn es bloß ums (Wohl-)Fühlen ginge, wäre die Poesie wirklich nur ein bürgerlicher Eskapismus und der poetic turn ein Luxusgut für die Gesättigten. Demgegenüber möchte ich Gedichte auch als Instrumente des Denkens und der Distanzierung, der Ambivalenz und Krise und des nicht Aushaltbaren stark machen. Gedichte sind so sehr Sprechakte und stimmliche Äußerungen wie sie abstrakte Texturen sind, zugleich verständlich und in ihren Bedeutungen uneinholbar. Ich wende mich ihnen zu, verinnerliche sie, und doch bleiben sie veräußert, Aufgabe, Antrag, uneingelöstes Angesprochensein, das mich fordert. Pathetisch gesagt: utopische Räume eines Befremdens.