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Der zweite Gott, Golem und Schach. Zur Kritik der technischen Vernunft

Eine Lecture von Katerina Krtilova
Golem, Zeichnung von HeavenMGN

05.11.2017, 18:00 Uhr

Ballhaus Ost Berlin

 

In seinem Buch God & Golem, Inc. von 1964 erläutert Norbert Wiener, der Vater der Kybernetik, nicht nur die Möglichkeit selbstlernender Maschinen, sondern weist auch auf die Grenzen der Verwendung der Maschine durch den Menschen hin – u.a. mit dem Verweis auf die Legende vom Golem, einem künstlichen Wesen, das der Kontrolle seines Schöpfers entgleitet. Während Wiener auf das notwendigerweise begrenzte Wissen des Programmierers innerhalb der gesetzten Spielregeln abhebt – die die Maschine besser als der Programmierer beherrschen kann – , gibt ca. 20 Jahre später Vilém Flusser, einer der Väter der Medienphilosophie, Wieners Beispiel des Schachs eine neue Wendung: die Bedingungen des Spiels sind nicht ohne den Abgrund jenseits des Schachbretts zu erkennen.

Bestimmt das Spiel des „Operators“ gegen und mit dem Apparat von Wiener bis zu Flussers Philosophie der Fotografie die Möglichkeit und Unmöglichkeit seiner Beherrschung – bis hin zur gottgleichen Allmacht oder Ohnmacht gegenüber göttlichen Mächten – , gilt es heute, diese Gegenüberstellung von Mensch und Technik als solche zu hinterfragen. Die Betonung der ‚menschlichen‘ Seite der Technik kann, ebenso wie die technische – im kybernetischen Sinne mathematische – Modellierung von Natur, Kultur und Gesellschaft, ein Weltverhältnis bestimmen, das von der Steuerbarkeit der erkannten Wirklichkeit ausgeht, von der Machbarkeit und Kontrolle, die den eigenen Körper ebenso die Umwelt einschließen. Eine Alternative dazu, so der Vorschlag, könnte ein Perspektivwechsel bieten, wie ihn Flussers Blick auf und über das Schachbrett hinaus andeutet: das Unkontrollierbare ist jedem Akt des Schaffens eingeschrieben – die Spielregeln bleiben offen. Sind ‚wir‘ die Spieler, die Figuren, das Brett oder seine Ränder?

 

Katerina Krtilova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin des Kompetenzzentrums Medienanthropologie an der Bauhaus-Universität Weimar. Sie hat Anfang 2017 zum Thema „Gesten des Denkens. Vilém Flussers Medienphilosophie“ an der Bauhaus-Universität Weimar promoviert und zusammen mit Kateřina Svatoňová an der Karls-Universität Prag die Forschergruppe Medientheorie/Medienphilosophie gegründet. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medienphilosophie, Medientheorie, Technikphilosophie und das Verhältnis von Performativität, Medialität und Materialität in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts.