warehouse warehouse

Der zweite Gott, Golem und Schach. Zur Kritik der technischen Vernunft

von Katerina Krtilova

Beinahe selbstverständlich wird heute digitale Technologie zur „technologischen Bedingung“ der Gegenwart erklärt – des Alltags, Kultur Wissenschaft, Politik, Wirtschaft. Alles scheint auf irgendeine Weise (digital-)technisch durchdrungen zu sein und potenziell digitalisierbar – von großen Infrastrukturen bis zu Diät- oder Dating- Apps, die körperliche und emotionale Prozesse erfassen (und steuern). Wir alle sind ständig ein Teil von Computersystemen, vielmehr als nur ‚Nutzer_innen‘. Andererseits bleiben diese Systeme weitgehend unsichtbar und sollen sich auch unbemerkt in den Alltag, in soziale Interaktionen, in Körper einfügen – so die Idee des ubiquitous computing. Das Verschwinden der Medien in ihrem Gebrauch, das zu den grundlegenden Figuren der Medientheorie gehört – wird zum Programm der Gestaltung digitaler Umwelten.

Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Natur, Kultur und Technik, Körper und Technik, dem Symbolischen und Materiellen, aber auch zwischen verschiedenen Kulturen in einer „digitalen Kultur“ stellt die kritische Reflexion der kulturellen und unter anderem technischen Bedingung vor neue Herausforderungen. Ich möchte im Folgenden auf einen Text und einen Autor eingehen, der aus Sicht technologischer Innovation in graue Vorzeit gehört – aber vielleicht gerade deswegen, am Anfang der digitalen Wende stehend, einen anderen, fremden Blick darauf zu werfen hilft: Norbert Wiener, einer der Väter der Kybernetik – der Wissenschaft von der Steuerung und Regelung von Maschinen, lebenden Organismen und sozialen Systemen – und das Buch God and Golem Incorporated von 1964.


Fußnoten

  1. Zu dem Phänomen und seiner Einordnung in das Mensch-Maschine-Verhältnis vgl. Tim Othold: “(In)stabile Technik. Über kreative Algorithmen und mahnende Regenschirme”, in: Johannes Bennke, Johanna Seifert, Martin Siegler (Hg.), Prekäre Existenzen, München, erscheint Anfang 2018.

  2. Zitiert nach: Christian Stöcker: Künstliche Intelligenz: Gott braucht keine Lehrmeister, auf: Spiegel Online, http://www.spiegel.de/wissenschaft/technik/kuenstliche-intelligenz-gott-braucht-keine-lehrmeister-kolumne-a-1175130.html [zuletzt aufgerufen: 11.11.2017].

  3. Dieter Mersch: Ordo ab chao – Order from Noise, Zürich/Berlin 2013, S. 61.

  4. Vilém Flusser: „Auf dem Weg zum Unding“, in: Medienkultur, Frankfurt/Main 1997, S. 22.

  5. Vilém Flusser: „Schach“, in: Dinge und Undinge, S. 57

  6. Norbert Wiener: God & Golem Inc. A Comment on Certain Points where Cybernetics Impinges on Religion, Cambridge, MA 1964.

  7. Vilém Flusser: Für eine Philosophie der Fotografie, Göttingen 1983, S. 30.

  8. Vgl. Sybille Krämer, „Punkt, Strich, Fläche. Von der Schriftbildlichkeit zur Diagrammatik“, in: dies., Eva Cancik-Kirschbaum, Rainer Totzke (Hg.), Schriftbildlichkeit, Berlin: Akademie 2012, S. 79-100.

  9. Friedrich Kittler: Die Nacht der Substanz, Bern 1989.

  10. Vilém Flusser: „Digitaler Schein“, in: ders., Medienkultur, Frankfurt/Main 1997, S. 208.

  11. Vilém Flusser: Lob der Oberflächlichkeit. Für eine Phänomenologie der Medien, Schriften Bd.9, Mannheim 1995, S. 39/40.

  12. Vilém Flusser: „Rückschlag der Werkzeuge auf das Bewusstsein“, in: Graham Harman, Die Rache der Oberfläche: Heidegger, McLuhan, Greenberg, International Flusser Lectures, Köln 2015, S. 4.

  13. Vilém Flusser: „Einbildungen“, in: Lob der Oberflächlichkeit, S. 271.

  14. Gershom Scholem: „Der Golem von Prag und der Golem von Rehovot“, in: ders., Judaica 2, Frankfurt/Main 1970, S. 79.

  15. Ebd., S. 81.

  16. Karl Erich Grözinger: Jüdisches Denken, Band 2, Frankfurt/Main 2005, S. 42.

  17. Zitiert nach Grözinger, Jüdisches Denken, S. 42.

  18. Und Friedrich Kittler, der explizit auf die Pythagoräer verweist.

  19. Gershom Scholem: Zur Kabbala und ihrer Symbolik, Zürich 1960, S. 25.

  20. Zitiert nach Grözinger, Jüdisches Denken, S. 33.

  21. Scholem: Zur Kabbala, S. 235.

  22. Vgl. Katerina Krtilova, „Medienreflexiv. Zur Genese eines Verfahrens zwischen Martin Heidegger und Vilém Flusser“,in: Internationales Jahrbuch für Medienphilosophie 1/2015, S. 95-118; „Can We Think Computation in Images or Numbers? Critical Remarks on Vilém Flusser’s Philosophy of Digital Technologies”, in: Flusser Studies 22/ 2016, www.flusserstudies.net

  23. Vilém Flusser, Bodenlos: eine philosophische Autobiographie, Bensheim/Düsseldorf 1992, S. 241.

  24. Scholem: Zur Kabbala, S. 222.

  25. Ebd.

  26. Ebd., S. 243.

  27. Ebd., S. 213.

  28. Ebd., S. 213.

  29. Ebd., S. 216.

  30. Ebd., S. 250.

  31. Ebd., S. 228.

  32. Grözinger, Jüdisches Denken, S. 38.

  33. Zitiert nach Grözinger, Jüdisches Denken, S. 33.

  34. Judith Butler, Bodies That Matter, New York 1993, S. 28 – 56.

  35. Butler, Bodies, S. 44.

1. Diesseits und jenseits des Schachbretts

Die Konfrontation und Verschränkung von Mensch und Maschine, die Wiener beschäftigt, bringt eine Szene auf den Punkt, die mehr als 30 Jahre nach God & Golem Inc sein Gedankenexperiment realisiert: 1997 verliert der damalige Schachweltmeister Gary Kasparov gegen den IBM Computer Deep Blue eine reguläre Partie Schach.

Die Aufregung um dieses symbolische Ereignis lässt sich heute kaum noch nachvollziehen, kann ein solches Schachprogramm mittlerweile auf einem Smartphone laufen. Auch wenn heute ‚intelligente‘ Technologien alltäglich geworden sind – die Frage der weiteren Entwicklung maschinellen oder künstlichen Intelligenz ist weiterhin brisant. Heute können Computer Menschen auch im noch komplexeren Spiel Go schlagen 1 – und ihre Leistungsfähigkeit ist so gewachsen, dass Ke Jie, der chinesische Go Meister, äußerte, der Computer spiele gar nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein „Go-Gott“ 2 Es geht dabei nicht nur um eine rhetorische Übertreibung – der Computer lernt tatsächlich selbst und entwickelt andere Strategien als Menschen. Die sogenannten ‚neuronale Netzwerke‘ – oder anders ‚deep learning‘ – erlauben, auch in sehr komplexen Gebilden, die nicht in Elemente mit klar definierbaren Funktionen zerlegt werden können wie im Falle des Schachs, Muster zu erkennen. Das ‚selbständige‘ des Lernens bleibt natürlich eingeschränkt – auch deep learning kommt nicht ohne Modellvorgaben aus, es muss vorgegeben werden, was wie in den eingegebenen Sensordaten erkannt werden soll. Der Computer kann aber nicht vorhersehbare Muster finden, und vor allem: es kann nicht nachvollzogen werden, wie er zu seinen Ergebnissen kommt. So wie in den 90er Jahren der schachspielende Computer – und Wiener hat diese Entwicklung vorhergesehen – stößt deep learning damit heute an eine Grenze, an der die Souveränität des Umgangs mit Technik ins Phantasmatische kippt: was passiert in und mit der Maschine, die klüger ist als ihr Schöpfer – nicht nur stärker oder schneller? Ist die Intelligenz, dank der die Maschine konstruiert wurde, vielleicht gar nur ein Effekt dieser Technik, ein automatisierbarer Vorgang, den Maschinen besser leisten als Menschen? Oder reicht die Intelligenz der Maschine ‚tiefer‘ als die des Menschen?

Der Mathematiker Norbert Wiener bleibt 1964 eher gelassen: Computer können nur Spiele spielen, in denen klar und eindeutig definiert ist, wie das Spiel unter Befolgung vorgegebener Regeln gewonnen werden kann. Ein Schachspiel wie in Alice im Wunderland, in dem die Figuren über das Spielfeld marschieren u.ä. würde für den Computer einfach keinen Sinn machen, ebenso wenig wie z.B. das Spielen mit Puppen. Da wäre kein Mensch zu schlagen. Mit dem Schachspiel wird ein bestimmtes Spielfeld der Begegnung von Mensch und Maschine abgesteckt, auf dem die ‚Intelligenz‘ den Menschen gleichzeitig der Maschine gegenüberstellt und ihn mit dem Computer vergleichbar macht. Dieses Spielfeld, aber, das muss betont werden, ist ein durch klare, eindeutig definierte Regeln vorgegebener Handlungsspielraum, in dem über Sieg oder Niederlage entschieden wird.
Mir scheinen besonders drei Merkmale interessant, die das Computer-Schachspiel auszeichnen und Aufschluss über die digital-technologische Bedingung geben könnten:

1. die festgelegten Regeln und die „vorentschiedene Entscheidbarkeit“. Ein Aspekt, auf den Dieter Mersch mit Nachdruck hinweist: Der Computer gehorcht einer mathematischen Entscheidungslogik, die Unentscheidbares und Unberechenbares von vorneherein ausschließt. Auch wenn es um die Verarbeitung von Bildern, Tönen, Gesten, Gesichtern geht – sie vollzieht sich nur im Rahmen des mathematisch modellierbaren. 3

2. Die ‚Oberflächlichkeit‘ des Schach- oder Go-Spiels. Die Regeln des Schachspiels, so lässt sich in Anlehnung an Vilém Flusser behaupten, können nahtlos in Berechnungen umgewandelt werden – der ‚Körper‘ des Schachspiels kann fast vollständig abstrahiert werden (außer einer bestimmten visuellen Anordnung, die unterschiedlich gestaltet werden kann). Diesen Schritt der Abstraktion, so Flusser, ermöglicht die Schrift: „der vorliegende Text hätte, gelb gedruckt, keine andere Bedeutung.“ 4 Schaltungen in der digitalen Technologie, 0 und 1 als Zustände, bezeichnet Flusser dann als ‚nulldimensional‘ – vollkommen un-sinnlich. In seinem Essay „Schach“ wendet Flusser den Blick um und richtet ihn im Gegenteil auf Materialität und Ästhetik des Schachspiels: die Türme erinnern an maurische Türme in Andalusien, „das hölzerne Wesen des Schachs, etwa die Maserung des Baums, aus dem die Steine geschnitten werden“ 5 ändert die Perspektive auf das Spiel ebenso wie die Bedeutung der Figuren des Königs, Königin, Bauern etc., die Krieg führen usw. Damit kommt eine ganz andere Tiefe ins Spiel als beim deep learning – das nichtsdestoweniger die ‚Flachheit‘ des älteren maschinellen Lernens hervorhebt, die notwendige Reduktion des Spielfeldes, das bereits das Erkennen von Objekten auf Bildern verlässt.

3. Der Wettkampf als Urszene maschineller Intelligenz. „There may be great doubt as to how to win the game, but no doubt whatever as to whether it has been won or lost.“ 6 Der logische Zwang zur Entscheidung mag sich mit dem kapitalistischen ökonomisch-politischen System und seiner Wettbewerbslogik verbinden – und Effekte generieren, in denen fatale Spielsituationen entstehen. Wieners Beispiel ist einer solchen Situation ist – 1964 – der Atomkrieg. Er warnt vor der „Magie der modernen Automatisierung“ und der Einstellung der „gadget worshiper“, die nicht beachten, dass es bei Computern um automatische Prozesse geht, die einer klaren Logik gehorchen. Sie entscheiden sozusagen blind. Wiener beschreibt diese ‚Magie‘ mit einer Erzählung von W.W.Jacobs, „The Monkey’s Paw“, in der eine Zauber-Affenhand drei Wünsche erfüllt. Eine Familie gerät in den Besitz der Affenhand, wird aber im Voraus gewarnt, dass der dritte Wunsch immer der Tod sei. Sie wünscht zunächst 200 Pfund zu besitzen. Es klopft an der Tür und die Familie erhält Nachricht vom Tod Ihres Sohnes – und ihnen wird die Versicherungssumme von 200 Pfund ausgezahlt. Zweiter Wunsch: der Sohn möge wieder lebendig werden. Es klopft an der Tür und herein kommt der Sohn als Untoter. Der dritte Wunsch ist, wie vorhergesagt, der Tod des Sohnes.

2. Der zweite Gott oder: die Magie der Komputation

Am Ende der bekanntesten Version der Golem Legende steht genau das: Tod und Zerstörung, weil der Mensch Kräfte entfesselt, die er nicht steuern kann. Doch wie kommt der Mensch überhaupt zu solchen Kräften? In diesem Zusammenhang geht es nicht um die Grenzen, sondern das Potenzial der kybernetischen ‚Magie‘ – die von Wiener mit der Magie der Golem-Schöpfung in Verbindung gesetzt wird.

Es handelt sich – wie schon bei Wiener deutlich wurde – um eine mathematische Magie. Im Sinne Flussers lässt sich feststellen, dass Apparate das numerische (oder auch alphanumerische) Denken „besser leisten als Menschen, weil sie mit den zahlenähnlichen Symbolen besser (schneller und fehlerfreier) spielen als sie.“ 7 Dieses Denken – in Zahlen und ‚zahlenähnlichen Symbolen‘ – ist tatsächlich mechanisierbar – und entwickelt sich in digitalen Technologien weiter unabhängig von ‚im Geiste‘ entwickelten mathematischen Modellen. Der Ausgangspunkt einer grundlegenden medialen Wende: Denken ist nicht etwas, was nur im Kopf, im Geist stattfindet (und dann auf verschiedene Weise ‚ausgedrückt‘ werden kann), sondern wird durch die entsprechenden Symbole, das System des schriftlichen Rechnens und der Geometrie ermöglicht. Sybille Krämer und andere haben gezeigt, wie stark auch das abstrakteste Denken ‚diagrammatisch‘ oder ‚schriftbildlich‘8 verfährt – d.h. vom Umgang mit graphischen Symbolen abhängt und ohne sie gar nicht möglich wäre. Es sind also nicht erst die Rechenmaschinen, die materielle und geistige Verfahren verbinden – doch sie ermöglichen auf neue Weise, diese Verfahren zu mechanisieren und zu automatisieren. Berechnungen können auch allein von Maschinen ausgeführt werden – und was ebenso verstören mag: sie verschalten die symbolische Ordnung und Operationen im Realen selbst, so Friedrich Kittler. 9 In Flussers Vision des neuen Universums der Komputation, die er in den 80er Jahren skizziert, geht in eine ähnliche Richtung: Das „kalkulatorische Denken“ so Flusser, sei immer tiefer in die Erscheinungen eingedrungen. „Es hat sie analysiert (zersetzt), wodurch die Phänomene immer mehr die Struktur des kalkulatorischen Denkens angenommen haben. […] Von der ursprünglich ‚ausgedehnten Sache‘ ist keine Rede mehr, sondern von nach Feldern strukturierten Teilchenschwärmen. Bei diesen Teilchen, beispielsweise den Quarks, entsteht die Frage, ob es sich tatsächlich um Teilchen der Welt oder um Symbole bzw. Zeichen des kalkulatorischen Denkens handelt.“ 10 In Flussers Entwurf können tatsächlich wir von einer „digitalen Kultur“ sprechen: im neuen Universum bestimmen digitale Technologien gänzlich das Weltverhältnis, das Erkennen, Wahrnehmen und Handeln. Dank der neuen Technologie, die Wirklichkeit zerlegen und neu zusammen lässt, wird diese frei modellierbar – wir stellen fest dass „wir in einem allerdings noch ungeklärten Sinn alles selbst modellieren, was wir erleben, und dass wir es auch anders modellieren könnten“ 11 Es gibt keine gegebene Wirklichkeit mehr. Das (menschliche) Bewusstsein kann „aus sich hinaus (aus seinen Algorithmen) konkrete Welten entwerfen, über die es allmächtig ist, weil diese Welten vom Bewusstsein selbst programmiert sind. Wir sind Schöpfer (Götter) solcher Welten. Wir sind digitalisierende Götter.“12 Flusser bringt die kybernetische mathematische Magie auf den Punkt: „Cusaner meinte damals, dass Gott zwar allwissend sein möge, aber auch nicht besser als wir wissen könne, dass ‚1+1=2‘“. 13

"Golem", illustriert von Hugo Steiner-Prag, aus dem Buch "Der Golem" (erschienen 1916)

An diesem Punkt lässt sich die Verbindung mit der Golem-Legende herstellen, die bei Wiener eher zwischen den Zeilen bleibt. In aller Deutlichkeit wird fast zeitgleich mit der Erscheinung von God & Golem Inc. vom Religionshistoriker Gershom Scholem hergestellt: Bei der Einweihung eines Großrechners in Rehovot in Israel, für den Scholem den Namen „Golem I“ vorgeschlagen hat, bezeichnet er Rabbi Löw aus der Prager Golem-Legende als geistigen Urahn der Mathematiker Norbert Wiener und John von Neumann, die „mehr als irgend jemand sonst die theoretischen Grundlagen zu jener mathematischen Magie gelegt haben, die den Golem unserer Tage, den modernen Computer, produziert hat.“ 14 Rabbi Löw, so die Legende, hatte in Prag im 16.Jahrhundert den Golem als künstliches menschenähnliches Wesen mit Hilfe kabbalistischer Magie erschaffen. Im letzten Schritt wird dabei dem Golem ein Zettel mit dem unaussprechlichen Namen Gottes in den Mund gelegt, wodurch die Lehmfigur zum Leben erwacht. Vor einem Sabbat vergisst der Rabbi jedoch, den Zettel herauszunehmen, woraufhin der Golem im Ghetto tobt und alles um sich herum zerstört, bis es Rabbi Löw gelingt, den Zettel zu entfernen – der Golem wird wieder zu einem Klumpen Lehm.

Um welche Magie geht es dabei: Die Kabbalisten gehen davon aus, dass die Welt im Wesentlichen aus den Urelementen der Zahlen und Buchstaben aufgebaut ist – die Buchstaben der Sprache Gottes sind konzentrierte schöpferische Energie. 15 Die Zahlen- und die Buchstabenmystik sind dabei eng verbunden. In Sefer Jezira, dem Buch der Schöpfung (oder auch Buch der Formgebung), dem wichtigsten Text der Kabbala für die Erschaffung des Golem, bilden die zehn Sefirot, die Scholem mit „10 Urzahlen“ übersetzt, das Mittelglied zwischen Gott und der Welt, der schöpferischen Ursache und ihren Wirkungen, als Urbild und zugleich als das Werkzeug der Weltbildung.16

Scholem weist auch auf die Verbindung des Buchs Jezira mit dem Neopythagoreismus hin: Für Neopythagoräer ist die Zahl das Urbild der Welt, der ursprüngliche Gedanke der Gottheit, das Werkzeug der Weltbildung, der Grund aller Dinge. „Alle Dinge der Welt, so Nikomachos, sind von der Vorsehung und der weltbildenden Vernunft nach Zahlen geordnet; denn das Prinzip und das Urbild der Dinge ist die Zahl, welche ihnen im Denken des Weltschöpfers vorangeht, durchaus immateriell und nur durchs Denken zu erfassen, aber doch das wahrhafte und ewige Wesen[…]“ 17 Wir sehen die Parallele zu Flussers Universum der Komputation. 18 Mit den richtigen Kombinationen der Buchstaben, mit denen Himmel und Erde geschaffen wurden, lässt sich die Schöpfung eines Menschen wiederholen. Die richtige Kombination ist natürlich geheim, „Sonst könnte jeder, der darin liest, eine Welt schaffen, die Toten beleben und Wunder verrichten. Darum ist die Anordnung der Tora verborgen worden und Gott allein bekannt.“ 19

Im Sefer Jezira heißt es dann: „Zehn sefirot belima: zehn und nicht neun, zehn und nicht elf. Sinne nach der Weisheit und erforsche den Sinn, prüfe sie und ergründe aus ihnen. Erkenne, berechne, bilde und stelle die Sache auf ihre klare Bedeutung und setze den Bildner an seinen Ort, denn er allein ist der Bildner und Schöpfer, und keiner außer ihm.“ 20 Der Kontrollverlust über die eigene Schöpfung, die in Zerstörung mündet, ist also dadurch bedingt, dass der menschliche Schöpfer Gottes Stelle einnimmt, versucht, Gott zu sein. Er überschreitet eine Grenze, indem er in die Schöpfung selbst eingreift, die Gottes Werk ist.

3. Der Golem und das Geheimnis der Schöpfung

Die Gefahr der Golem-Schöpfung, wie sie Gershom Scholem formuliert, lässt uns nochmal zur digitalen ‚Magie‘ zurückkommen: „eine gelungene Golem-Schöpfung, die sich nicht nur im Symbolischen vollzieht, würde den ‚Tod Gottes‘ einleiten. Die Hybris des Schöpfers würde sich gegen Gott kehren.“ 21 Vilém Flusser und Friedrich Kittler sehen das Potenzial der neuen Technologien genau darin: Was denkbar ist, wird technisch machbar. Die neuen Wirklichkeiten können dank der Verschaltung des Symbolischen und Realen geschaffen werden – es sind nicht nur Vorstellungen, Bilder, Utopien alternativer Wirklichkeiten, die Wirklichkeit wird tatsächlich komputierbar.

Wenn wir den Untertitel des Buches von Wiener weiterverfolgen: „A Comment on Certain Points, where Cybernetics Impinges on Religion“, also wie Kybernetik in die Religion eingreift, kommen umgekehrt auch zu einer Hinterfragung der Motive der Kybernetik durch Figuren der (hier jüdischen) Religion. Nicht vom Standpunkt der Theologie oder Religionsgeschichte aus, sondern vielmehr, indem wir die Techniken der Golem-Schöpfung aus einer medienphilosophischen Perspektive betrachten. Einen Hinweis zu diesem Perspektivwechsel gibt eine Anmerkung Flussers, die im Spannungsverhältnis zu seiner Vision der Komputation steht (die sich durch sein gesamtes Werk zieht)22: Technik, so heißt es in seiner philosophischen Autobiographie, ist nur „eine der Formen, in denen der Mensch geheimnisvoll seine Hand in die konkrete Wirklichkeit hinein taucht.“23

Die Schaffung des Golem ist in den heutigen Ausprägungen des Grundmotivs durchwegs technisch geprägt – in der Serie Westworld oder Filmen wie Ex Machina. Wenn wir allerdings zu den Ursprüngen der Figur zurückkehren, verliert Technik an Kontur, greifen magische, rituelle, technische, reflexive Praktiken, ebenso wie Theorie und Praxis ineinander: Das Wissen um die Buchstaben als die „eigentlichen Aufbauelemente, die Steine, aus denen der Bau der Schöpfung errichtet wurde“ in Sefer Jezira ist sowohl theoretischer, als auch praktischer Natur. Das Buch enthält die „theoretische Anleitung zum Verständnis des Aufbaus der Schöpfung“ 24, kann aber auch als „Schlüssel für magische Praktiken“ 25 dienen – wie genau dieser Schlüssel zu verstehen ist, geschweige denn wie er funktioniert – bleibt eine offene Frage bzw. ein Geheimnis. Scholem schlüsselt historisch auf, dass es sowohl eine sozusagen praktisch-technische Tradition der Auslegung und Anwendung der Buchstaben- und Zahlenmystik gibt, als auch eine Tradition, in der es um eine geistige Übung, eine tiefe Einsicht geht: wer sich in das Buch kontemplativ vertieft, der kann eine schaffende Weisheit erlangen (die sich nur im Symbolischen vollzieht, die göttliche Schöpfung nachvollzieht). Es geht um eine gedankliche Schöpfung.26

Es gibt allerdings noch eine ältere Tradition, die bis zur Erschaffung des Menschen zurückgeht: Golem heißt hier das Ungestaltete, Formlose, „der von dem Anhauch Gottes noch nicht betroffene Adam“27. Wie es im Talmud heißt: „In der ersten Stunde wurde die Erde zusammengehäuft; in der zweiten wurde er ein Golem, eine noch ungeformte Masse, in der dritten wurden seine Glieder ausgestreckt, in der vierten wurde die Seele in ihn geworfen; in der fünften stand er auf seinen Füßen; in der sechsten gab er allem (Lebendigen) Namen;[…]“28 usw. In dieser Tradition kommt noch ein anderer Aspekt als die Buchstaben- und Zahlenmystik zum Tragen: wenn wir zur Prager Golem-Legende zurückkommen, die Materialität des Lehmkörpers des Golem, den die richtige Buchstabenkombination (der Zettel mit dem Namen Gottes) zum Leben erweckt. Adam ist in dieser Tradition das Symbol der Hochzeit der Erde mit Gott. Wenn es in der Genesis (1:24) heißt ‚Die Erde bringe lebendige Seele hervor‘, ist der Geist des ersten Adam nicht eine von oben eingehauchte Seele, sondern „Erdgeist, eine der Erde innewohnende vitale Potenz“ 29 Diese schöpferische Kraft wird zwar durch Magie erweckt, aber verlässt nicht die Sphäre der Elementarkräfte, betont Scholem30 – der Golem stirbt ja auch nicht, wie ein Mensch oder auch ein Tier: er kehrt in sein Element, die Erde, zurück, seine Elemente lösen sich auf. In dieser Tradition ist die Magie also ein natürliches Vermögen der menschlichen Produktivität31 – des Formens, Bauens, Pflanzens, Fortpflanzens.

Am Anfang war das Wort – auch der erste der zehn Sefirot, ist der Geist Gottes, Gottes Stimme, sein Hauch und sein Wort, die primäre Bewegungsursache für die übrigen neun Sefirot. Der Geist, die Stimme und das Wort lassen nach und nach alle Elemente der physischen Natur aus sich hervorgehen. 32Doch dieses Primat der Sprache und der Schrift (und mit ihr verbunden der Zahl) hat in früheren ebenso wie den späteren kabbalistischen Traditionen immer auch eine andere Seite, die mit der ‚erdhaften‘ Schöpfungskraft zusammenhängt – wenn wir verallgemeinern eine praktische und sinnliche, ungeformt-materielle und performative Dimension, die in der digitalen Verschaltung von Symbolischem und Realen nicht ansatzweise zur Geltung kommt.

Nochmals zurück zum Buch Jezira: nur die schriftliche Überlieferung genügt nicht, um die schöpferische Magie vollziehen und nachvollziehen zu können: es geht um ein Verfahren, eine Praxis. Dieser Aspekt lässt sich religionshistorisch schwer nachvollziehen (da Quellen fehlen). Es könnte sein, dass die Intonation der Buchstabenkombinationen eine wichtige Rolle spielt, Atemtechniken oder bestimmte Kopf- und Handbewegungen, die die einzelnen Akte begleiten mussten, also eine Körperlichkeit, die im Text selbst auch zum Tragen kommt: „Zehn Sefirot belima. (Gemäß) der Zahl der zehn Finger, fünf gegenüber fünf und der Bund der Einheit ist in (ihrer) Mitte ausgerichtet, in der Milla (im Wort) der Zunge und des Mundes und in der Milla (der Beschneidung) der Scham.“33

Das Wunder der Schrift besteht gerade in der Möglichkeit der Abstraktion von dem Konkreten, Singulären, Anwesenden und der paradoxen Präsenz von etwas Abwesendem – es ist diese Technik, die jüdisch-christliche Kultur seit Jahrtausenden geprägt hat, und zwar nicht nur in ihren Vorstellungen, sondern auch konkret-materiell, wie es letztlich die symbolischen Maschinen vor Augen führen. Der Logozentrismus der westlichen Kultur hat jedoch mit der Fokussierung auf das Wort, die Sprache als Geist, als körperlosen Sinn andere Momente der Formgebung oder des Schaffens verdrängt, wie sie in der mystischen Tradition, aber auch in künstlerischen Auseinandersetzungen zum Tragen kommen: Alles außerhalb des Spielfeldes, das ich im ersten Teil umrissen habe, das Un-entscheidbare, Un-Logische, ungeformt Materielle und Sinnliche, alle anderen Formen des Tuns oder Wirkens als das technische Herstellen und rationale Handeln, alles Ineinandergreifen der Praktiken und Techniken des Sprechens, Schreibens, Rechnens, Formens. Judith Butler hat den Logozentrismus nochmals als ‚Phallogozentrismus‘ einer Kritik unterzogen, und in ihrem Buch Bodies That Matter (Körper von Gewicht) den Ausschluss einer exzessiven, ungeformten, ungreifbaren Materialität beschrieben, die durch das phallogozentrische Prinzip immer schon sozusagen kolonisiert wird, nur in einer bestimmten Form – sagen wir auf dem Schachspielfeld – überhaupt zur Sprache kommen kann.34 Hier scheint sich mir eine Verbindung zur erdhaften schöpferischen Kraft, die in der ältesten Golem-Tradition zur Geltung kommt, anzubieten – und die Beobachtung zum Ausschluss dieser Weisen des Schaffens durch die phallogozentrische Techno-logie, technische Logik, die auf ein vollkommen abstraktes – und damit vollkommen modellierbares – Universums abzielt, das von der reinen mathematischen Logik beherrscht wird und alles beherrschbar macht. Was sich dieser Logik entzieht, kann nicht einmal benannt werden kann, um diesen Punkt Butlers zu betonen.

Wenn es in der Reflexion der „digitalen Kultur“ um Körper geht, um Gefühle, Erfahrungen, Wahrnehmung, um Dinge, Natur, Umwelt – so werden sie stets im Verhältnis zur digitalen Technologie gedacht: es geht explizit oder implizit um human enhancement, affective computing, ambient computing, motion sensing, self-tracking, das Internet der Dinge, Biotechnologie, smart cities usw. Doch blinde Flecke gibt es auch in umgekehrter Richtung: Körper, Gefühle, Wahrnehmung, Denken, Glauben usw. sind nicht von ihrer Einbettung in Kulturtechniken und mediale Praktiken zu verstehen – anderenfalls wird hier die Trennung eines im Geiste, im Symbolischen einsehbaren, erkennbaren einerseits und undurchdringlichen Praktiken oder Materialitäten andererseits im Sinne des Phallogozentrismus vorausgesetzt. Wir bleiben in beiden Fällen weitgehend im Schachspiel gefangen.

Um kurz zusammenzufassen: mit einem Seitenblick auf die ‚Schach-Logik‘ der Kybernetik Wieners möchte ich zum einen für einen nüchternen Blick auf die „digitale Kultur“ plädieren, gegenüber der Verzauberung digitaler Technologien, zum anderen – mit dem ‚unrechtmäßigen Gebrauch‘ der Sprache35, Schrift und anderer ‚phallogozentrischer‘ Mittel in der Magie der Golem-Schöpfung auf die Unergründlichkeit, Nicht-Beherrschbarkeit und Wundersamkeit von medialen Praktiken des Sprechens, Schreibens, Rechnens, Formens und Gestaltens hinweisen, die weniger vom Menschen hergestellt wurden als sie sie erst hervorbringen.

Katerina Krtilova ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin des Kompetenzzentrums Medienanthropologie an der Bauhaus-Universität Weimar. Sie hat Anfang 2017 zum Thema „Gesten des Denkens. Vilém Flussers Medienphilosophie“ an der Bauhaus-Universität Weimar promoviert und zusammen mit Kateřina Svatoňová an der Karls-Universität Prag die Forschergruppe Medientheorie/Medienphilosophie gegründet. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Medienphilosophie, Medientheorie, Technikphilosophie und das Verhältnis von Performativität, Medialität und Materialität in der Philosophie des 20. und 21. Jahrhunderts.