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Warum ich aufhörte, Dinge “digital” zu nennen – Über Metaphern als Hindernisse

von Rafael Dernbach,  übersetzt von Pierre Schwarzer
Differenzmaschine Nr. 1 von Charles Babbage von 1832 im Science Museum London

Ein kurzer Blick auf den heutigen Arbeitsmarkt zeigt, dass wir in einer digitalen Zeit leben. Unternehmen suchen nach digitalen Managern, digitalen Designern oder einfach Digitalchefs. Sicher ist, dass die Nutzung des Begriffs „digital“ wenig mit dessen ursprünglicher Bedeutung zu tun hat: die Darstellung von Informationen in Binärcode, Einsen und Nullen. Was wir hauptsächlich meinen, wenn wir etwas als digital bezeichnen, ist, dass es mit Computern zu tun hat. Doch ist es noch angemessen, in einer Gesellschaft, in der Computer die meisten Lebensbereiche beeinflussen, etwas als digital zu beschreiben? Oder ist der Begriff viel mehr ein Hindernis in Diskussionen geworden? Folgende Geschichte erzählt, weshalb ich aufgehört habe, Dinge digital zu nennen. Es ist ebenfalls ein Text über die Politik von Metaphern.

Neulich saß ich mit einer Gruppe aus Hackern, Technologinnen und Forscherinnen aus den Geistes- und Sozialwissenschaften an einem Tisch. Wir waren dabei, über den Namen einer neuen Forschungsgruppe zu sprechen, die wir gründen wollten. Zu meiner Überraschung trafen alle Vorschläge mit dem Begriff des Digitalen auf offene Skepsis seitens der Hacker und Technologinnen. Einer drückte sehr lebhaft seine Zweifel aus: „Es ist nicht so, dass ich gegen den Titel bin, er ist mir egal und ich weiß, dass es vielen ebenso gehen wird. Ich bin noch nicht mal genervt davon, ich werde einfach nicht weiterlesen, wenn ich einen bedeutungslosen Titel sehe“. Dieser starke Widerstand einem mir intuitiv sinnvoll erscheinendem Begriff gegenüber, überraschte mich. Und ich begann, neugierig zu werden, warum der Begriff ein solch rotes Tuch ist für diejenigen, die qua ihrer Arbeit am stärksten in das, was ich Digitalisierung nenne, verwickelt sind.

Ich konnte einsehen, dass der Begriff „digital“ und sein Nomen „Digitalisierung“ schwammig waren, eine weite Spanne bezeichnend aus Phänomen von Onlinemarketing bis zu Datenspeicherung, von Musikaufnahme bis zu computergenerierten Bildern. Doch ich verwende sie intuitiv, meist um eine Transformation zu beschreiben, die durch die Nutzung von Computern ausgelöst wurde. Und Digitalisierung als Totalität dieser Transformationen ist real. Wir haben alle eine Geschichte über eine App oder einen Onlinedienst parat, die einen Teil unseres Alltags radikal vereinfacht oder erschwert hat. Und wir sind Zeuginnen der Veränderung ganzer Industrien durch die Einführung von Computern. Weshalb also ein solches Ablehnen des Begriffs in unserer Gruppe? Nach unserer Diskussion bat ich einen der Technologen, seine Skepsis zu erläutern. Palle Dahlstedt ist Komponist und Professor für Informatik an den Universitäten Gothenburg in Schweden und Aalborg in Dänemark.

„Das Wort digital bedeutet lediglich, dass etwas in diskreten Schritten dargestellt wird, im Kontrast zu kontinuierlichen analogen Signalen“, erklärte Dahlstedt mir. Er beschrieb weiter wie die meisten von Menschen wahrnehmbaren Phänomene heutzutage digital dargestellt werden können, was insbesondere für akustische Phänomene zutrifft. Was digitale Darstellung im Kontrast zur analogen Variante so ansprechend macht, ist, dass digitale Objekte ohne Verlust repliziert werden können. Ein Klon eines digitalen Objekts zeigt keinerlei Differenz zu seinem Original, was auf analoge Darstellungen nicht zutrifft. Bis jetzt schien mir der Begriff des Digitalen noch unproblematisch zu sein, aber Dahlstedt führte fort: „Ein Großteil der Dinge, die wir mit dem Wort digital assoziieren, sind jedoch ebenso mit nicht-digitalen Mitteln möglich. Und viele Dinge, die von den meisten für analog gehalten werden, sind in Wirklichkeit digital. Beispielsweise ist jegliches Schreiben digital und war es schon immer.“

On the economy of machinery and manufactures, 1835

In der Tat können digitale Signale mit Licht, hydraulischem Druck, mechanischen Getrieben, oder Spannungen dargestellt werden. Wie die meisten von uns, stellte ich mir etwas Elektronisches vor, wenn ich über digitale Darstellungen sprach. Doch es gibt ebenso analoge Computer, die zugleich mechanisch oder elektronisch sein können. Ebenfalls gibt es digitale Computer, die nicht-elektronisch arbeiten können. Ein Beispiel für solch einen nicht-elektronischen Computer sind die Rechenmaschinen, die der englische Mathematiker Charles Babbage bereits im 19. Jahrhundert entwickelte. Digital, so wurde mir klar, beschreibt eine andere und weitaus ältere Idee als die Prozesse eines elektronischen Computers. Dieses Missverständnis scheint also der Kern von Dahlstedts‘ Skepsis zu sein: „Der Begriff ist ein Alles und Nichts geworden, manchmal bedeutet er „elektronisch“, manchmal heißt es, dass ein Computer im Spiel ist, manchmal bedeutet er etwas, das mit dem Internet zu tun hat.“ Den Grund für diese Ungenauigkeit sieht Dahlstedt im Unverständnis für die Begriffe der Computerwissenschaften von Seiten der Mehrheit der Geisteswissenschaften und eines breiten Publikums. „Begriff werden lose, metaphorisch verwendet und verlieren schließlich ihren Wert.“

Als ich ihn nach einem Beispiel aus seinem eigenen Feld für den Verlust eines solchen Begriffsgehalts fragte, erzählte er mir, dass in seiner Arbeit mit elektronischer Musik Digitalität kein entscheidender Parameter ist. „Viele meiner Werkzeuge sind digital, viele sind analog und viele sind hybrid.“ Er fügte hinzu, dass das Aufnehmen ebenso digital oder analog sein kann. Und um es noch weiter zu verkomplizieren, können manche akustischen Signale diskret und insofern digital in der Zeit sein, aber nicht in ihrem Umfang und andersherum. Es wurde mir klar, dass die Kategorien „digital“ und „analog“ daran scheitern, Dahlstedts Produktionsprozess zu bezeichnen. Er pochte weiter: „Es ergibt keinen Sinn vom Digitalen als Gegensatz zum Nichtdigitalen zu sprechen. Es ist wie, wenn man sagt, eine CD der Berliner Philarmoniker sei Computermusik, weil Computer Teil des Herstellungsprozess waren. Natürlich ist es digitale Musik, auf eine gewisse Weise, aber das ist nicht das Entscheidende. Es ist eine digitale Art der Speicherung der Musik – sie war analog, bis sie auf eine gewisse Maschine in der Kette traf, und sie ist analog, wenn sie unsere Ohren erreicht.“ Ein für Dahlstedt weitaus wichtigerer Parameter als analog oder digital, ist die Art der Interaktion mit den Werkzeugen. Anstatt digitale von analogen Objekten oder Praxen zu unterscheiden, kommt es auf die besonderen Methoden der Verwendung und ihre Absichten an. Welche Art von Computation ist Teil des Komponierens? Welche Formen der Abstraktion werden verwendet? Welche Datenstrukturen sind im Spiel? Diese Fragen unter dem Begriff des Digitalen zusammen zu fassen, wäre nicht nur etymologisch verfehlt, sondern auch ein Hindernis in der Praxis.

"Analytical Engine" von Charles Babbages 1834-1871
Zwei experimentelle Modelle des Analytical Engine von Chalres Babbages, 1870

Dahlstedt relativiert allerdings die neuen Möglichkeiten der Erweiterung von Rechenleistungen nicht. „Mit elektronischen digitalen Computern können wir Dinge tun, die wir zuvor nicht tun konnten, maßgeblich aufgrund der Maßstabsveränderungen in Geschwindigkeit und Rechenleistungen in den letzten Jahren. Graduell haben wir unser denken, unsere Werkzeuge und ihre kognitiven Modelle dazu gebracht, in der Lage zu sein, uns vorzustellen, neue Prozesse auf Daten anzuwenden – aber der Unterschied liegt lediglich im Rahmen des Speicherplatzes und der Rechenzeit.“ Dahlstedt betonte, dass Rechenverfahren nichts Neues sind. Was sich verändert hat ist lediglich die Geschwindigkeit, in der Informationen berechnet und der Speicherplatz – und dadurch die Anzahl an Informationen, die verarbeitet werden können. „Alle Methoden sind beispielsweise gut definiert und hätten bereits vor hundert Jahren erprobt werden können, nur waren sie unvorstellbar. Jede Rechnung, Suche, Datenmanipulation, jedes Kalkül war theoretisch vor dem Computerzeitalter möglich. Aber, da es undenkbar lange gedauert hätte und andere Speicherkapazitäten benötigt worden wären, war es unvorstellbar.“ Für Dahlstedt heißt das, dass unser Denken sich mit unseren Werkzeugen entwickelt. Gleichzeitig besteht er darauf, dass unser Denken nicht komplizierter wird. Stattdessen haben wir es mit höheren Abstraktionsebenen zu tun, die durch gesteigerte Schnelligkeit und Rechenkraft der Computer ermöglicht wird.

Nach unserem Gespräch fühlte sich der Begriff des Digitalen nicht mehr so intuitiv an. Ich begann, über meinen Impuls, Dinge digital zu nennen, nachzudenken und bemerkte, dass die Nutzung des Begriffs meinen Gesprächen selten etwas hinzugefügt hatte. Ein digitaler Manager ist einfach ein Manager, ein digitaler Designer einfach ein Designer. Weshalb fügte ich also überhaupt den Begriff hinzu? Weil etwas „digital“ zu nennen ein Narrativ der Disruption impliziert. Es impliziert eine Zukunft mit glänzend neuen Dingen und Lebensformen. Statt erklärend zu sein, nutzte ich es als eine ästhetische Kategorie. Indem ich Dinge digital nannte, war ich Teil dieses Meta-Narrativs. Aus Dahlstedts Sicht ist der Begriff bedeutungslos und nervig geworden. Doch es kam mir der Gedanke, dass „digital“ mehr Hype als Erklärung bedeutete, eine Metaphor die sich von ihrem Ursprung so sehr gelöst hatte, dass sie bedeutungslos geworden war. Ich fragte mich ob „digital“ nicht ein Hindernis für unser Verstehen der Interaktion von Computern mit unseren Leben sein könnte. Versperrt der Begriff vielleicht sogar ein Verstehen unseres Verhältnisses zur Informationstechnologie?

Ein provokativer Essay des Psychologen Robert Epstein schwirrte mir durch den Kopf. Sein Titel ist ebenfalls die Prämisse: „Dein Gehirn verarbeitet nicht Informationen und ist kein Computer.“ Im Essay kritisiert Epstein den dominanten Denkrahmen der Neurowissenschaften, nämlich die Annahme, dass menschliche Gehirne Informationsverarbeitungsnetzwerke sind. Epstein verweist auf eine Reihe von Missverständnissen, die mit der Metapher des Hirns als Computer auftreten. Im Essay entlarvt er zum Beispiel auf elegante Weise die Vorstellung, dass Bewusstsein eines Tages in ferner Zukunft herunterladbar werden könnte. Epstein erinnert seine Kolleginnen und Leserinnen daran, dass sie mit einem Modell operieren, und insofern mit einer Metapher. Und er argumentiert, dass diese Metapher ein Hindernis geworden ist, dass vielerlei Probleme der Neurowissenschaften unerklärbar macht. Was ich an Dahlstedts Erklärungen mochte, war, dass sie auf die historische Kontinuität von Rechenmethoden verweisen. Gleichzeitig gab es ein Bewusstsein für das transformative Potenzial, das in ihrer Entwicklung liegt. All diese Nuancen sind verschleiert durch ein Narrativ der Disruption, dass mit dem Begriff der Digitalisierung einhergeht.

Indem ich etwas digital nannte, kaufte ich den Hype statt eines besonderen technologischen Kontexts mit dessen Geschichten und Implikationen. Ich konzentrierte mich auf das Neue, während ich dessen Anfänge und mögliche Wendungen ausklammerte. Genau wie im Fall des Gehirns als Computer, ist Digitalisierung als Disruption eine hinkende Metapher. Wie Dahlstedt beschrieb, stützten sich auch unsere Vorfahren auf digitale Medien, wenn man Schrift als ein solches zählt. Etwas als digital zu beschreiben, begreift den Computer als eine geschichtslose Technologie. Es desensibilisiert uns für die historischen Bedingungen und menschlichen Agenten, die zur Entwicklung einer besonderen Technologie beigetragen haben. Doch wie könnte man einen Begriff fassen, der die Kontinuität von Rechenmethoden berücksichtigt und trotzdem die Transformationen der Gegenwart beschreibt?

Es mag der Leserin so erscheinen, als sei dies ein Ruf nach präziseren Begriffen. Achtlose Schwammigkeit scheint das Digitale erst in eine nutzlose Metapher verwandelt zu haben und dann in ein Hindernis für das Verstehen. Ich würde stattdessen eine vorsichtigere Impräzision vorschlagen Die Theorie epistemischer Objekte des deutschen Wissenschaftsphilosophen Hans-Jörg Rheinberger zeigt, dass manche Typen der Schwammigkeit ebenso wichtig sind wie begriffliche Klarheit. Seine Theorie könnte uns also helfen, Begriffe zu finden, die gleichsam Kontinuität wie Transformation fassen. Rheinbergers Forschung betrachtet, wie Ideen in der Wissenschaft entstehen. Im Kontrast zur Idee göttlicher Inspiration und Disruption einzelner Forscherinnen oder Technologien, argumentiert Rheinberger, dass Wissenschaft neues Wissen durch Wiederholung generiert. Ein einziges kontextloses Experiment bleibt bedeutungslos. Doch wenn Experimente wiederholt, angepasst und mit einem Wissenskörper verknüpft werden, kommen neue Ideen zum Vorschein. Epistemische Objekt werden durch ein Experimentalsystem produziert, wie, die Totalität aller Forschungstechnologien, Experimente, Instrumente und Infrastrukturen einer Disziplin. Sie sind per Definition zunächst unpräzise. Das heißt, dass sie nicht in Gänze zu wissen sind, da sie imaginiertes Wissen darstellen, nach dem ein Experimentalsystem strebt. Dementsprechend muss ein epistemisches Objekt präzise genug sein, um Wissen zu generieren und unpräzise genug, um unerwartete Forschungsergebnisse zu integrieren. Rheinbergers Theorie zeigt, dass wir sorgfältig schwammig mit unseren Begriffen umgehen sollten und Wiederholung mehr schätzen sollten als Disruption.

Rafael Dernbach ist Schriftsteller, Forscher und derzeit Doktorand an der Universität Cambridge. Als Stipendiat des Gate Scholarships forscht er an sozialen Konstruktionen, Techno-Schamanismus und Ästhetiken der Zukunft, von Science-Fiction bis hin zur Szenarioplanung. Seine Essays, Videos und Interviews wurden veröffentlicht unter anderem bei German Life and Letters, Teknokultura, ZDFinfo und Zeit Online.

Wenn das Digitale ein epistemisches Objekt ist, waren wir nicht nur blind für dessen Kontinuitäten, sondern auch sorglos schwammig in dessen Nutzung. Was könnten bessere epistemische Objekte sein, wenn es darum geht, die Transformationen durch Computer in unseren Leben, zu verstehen? Ich habe keine Antwort auf diese Frage. Doch habe ich eine Intuition, dass diese Begriffe ebenso hybrid sein werden wie unsere heutigen Produktionsprozesse. Schließlich ist Rechnen kein Phänomen, dass nur Computer betrifft. Für unsere Forschungsgruppe kamen wir letztendlich auf den Namen „Kybernetische Symbiosen: Prägen von Mensch-Technologie-Zukünften“. Er beinhaltet ausreichend Schwammigkeit, um den sozialen Einfluss und das Imaginäre der Technologien zu umarmen und er ist ausreichend diskret, um das Zusammenbringen von Ideen zweier System zu bezeichnen, nämlich Informationswissenschaften (Kybernetik) und Lebenswissenschaften (Symbiosen). An diesem Punkt hörte ich auf, Dinge digital zu nennen.