warehouse warehouse

Waiting for Sleep

von Jean Hubert,  ausgewählt und interviewed von Pujan Karambeigi,  verfügbar 18.7. – 1.8.18,  übersetzt von Pierre Schwarzer
Jean Hubert, Waiting for Sleep, 2016, film still. Courtesy: the artist

Nach einer Zombie-Invasion findet sich Will in seinem Haus wieder. Strukturiert wie ein Tagebuch stellt Waiting for Sleep die alltäglichen Routinen eines Charakters dar, der in fast vollständiger Isolation lebt – Will lebt in einer computergenerierten Animation. Es ist diese seltsame, fast wahnsinnige Reise in den Verstand eines Anderen, während dieser von seiner Umgebung abgetrennt ist, die Jean Hubert’s Arbeit einfängt. [weiterlesen]

Jean Hubert, Waiting for Sleep, 2016, film still. Courtesy: the artist

Pujan Karambeigi: Mich interessiert die Organisation von Waiting for Sleep als eine Art Tagebuch. Beim Schauen stellte ich mir ständig die Frage, wessen Tagebuch das sein könnte. Wem oder was folgen wir?

Jean Hubert: Wir folgen dem stetigen, ruhigen Überleben eines jungen Mannes, der sich bewusst dazu entschieden hat, weiter in seinem Haus zu wohnen, umgeben von der Gefahr einer Zombie-Invasion. Ich habe Waiting for Sleep ein Tagebuch genannt, weil das stark betont, dass Will den Tag über seiner Routine nachgeht. Außerdem ist es die Art von Intimität, in der wir uns befinden, wenn wir ihm beim simsen oder telephonieren zuschauen. Fast bis zum Ende der Geschichte hören wir nichts anderes als seine eigenen Worte, die sich mit seinen Gedanken zu vermischen scheinen.

PK: Während wir Will bei seinem Alltage beobachten, wenn er seiner Exfreundin schreibt, mit seiner Mutter spricht oder sein Fahrrad repariert, gibt es ein starkes Spannungsgefühl – sowohl als eine Art Schwebe, als auch im Sinne von Anspannung. Es ist, als ob die Welt ihre Zeit genauso wie ihre Bilder) zum Stillstand kommen. Gleichzetig ist die Gefahr ständig direkt hinter dem Zaun – Zombies die ihn bei lebendigem Leibe verspeisen wollen. Kann man von einer Zweideutigkeit der Spannung sprechen?

JH: Es gibt diese Spannung aufgrund von Wills verworrener Beziehung zu den Zombies: vom Anfang bis zum Ende ist es, als würde ein rasender Stier mit voller Geschwindigkeit auf ihn zu spurten und er zuckt lediglich im letzten Moment mit den Schultern, um ihm aus dem Weg zu gehen. Ich nutze minimale Bewegungen in den Szenen. Es gibt viele gefrorene Momente innerhalb des Geschehens. Und je mehr ich dies einsetze, bemerke ich, dass ich auf der Suche nach einer Art extremen Minimalismus bin.
Das ist einer der vielen unrealistischen Aspekte des Films: ich versuche nicht eine atmende, laufende, schwitzende Kreatur, wie eine Figur hinter der Kamera, zu erschaffen. Stattdessen anmiere ich eine gezeichnete Figur in einer gezeichneten Umwelt. Ich vermute, die Apokalypse hat hier den Geschmack sanfter Verzweiflung. Die Darstellung einer intimen Isolation in The Last Man on Earth, einem Zombie-Apokalypsen-Film von Ubaldo Ragona und Sidney Salkow aus dem Jahre 1964, hat mich berührt. Merkwürdigerweise hat mich das Herstellen von computergenerierter Animation dazu gebracht, in die Vergangenheit zu schauen – auf eine alte Art der Kinematographie, in der alles mit einem schweren Kamerawagen gefilmt wurde, der über die Kabel in einer starren Umgebung umherfuhr.
Außerdem kommt dieses Gefühl des Stillstands auch von meiner Arbeit am Sound. Dieser ist offensichtlich ein Zusatz zum Bild, wie in Cartoons der 1960er in denen die einzige Funktion von Ton die Erzählung ist. Insofern ist der Lärm der Stimmung nah bei null. So mag die Szene totenstill erscheinen, bis etwas sich bewegt.

Jean Hubert, Waiting for Sleep, 2016, film still. Courtesy: the artist

PK: In der Anthropologie hat das Tagebuch eine spezifische Funktion. Bronislaw Malinowski, ein polnischer Anthropologe, der für das ethnographische Anliegen des warehouse eine wichtige Rolle spielte, hat unmittelbar nach seiner Ankunft in Papua-Neuguinea in 1914 mit dem Schreiben begonnen. In Angesicht extremer Isolation – alleine in den Tropen, die Sprache der “Indigenen” nicht sprechend, überwältigt von Schlaflosigkeit, nutzte er das Tagebuch als Mittel gegen Einsamkeit. Das Tagebuch schien genau das passende Werkzeug zu sein, um Isolation zu dokumentieren und ein alternatives Script davon zu schreiben.
Bei Will scheint die Situation im Hinblick auf die Einsamkeit ähnlich zu sein. Doch anstelle von Protokollsätzen ist das Tagebuch maßgeblich durch computergenerierte Bilder artikuliert. Ist Waiting for Sleep eine Art non-verbales Tagebuch?

JH: Wie auffällig, dass Funktionalismus von einem an Schlaflosigkeit leidenden Hirn kam!
Eine Art, über menschliche Organisation nachzudenken, ist die transaktionelle Eben der Beziehungen. Dies kann dazu führen, Handlungen eines Individuums als Serien von Kalkulationen zu verstehen. Irgendwie verstehe ich so meinen 3D-Charakter, Will, der das Ergebnis der Berechnungen meiner Maschine ist und dem ich versuche, neues Leben einzuhauchen, oder zumindest den Schein von Willen.
In Waiting for Sleep nutze ich lediglich wenige Wörter. Aber das ist definitive eine Geste, die vom Tagebuch kommt. Mich haben wissenschaftliche Tagebücher als solche stets angezogen, nicht für deren empirischen Gehalt, sondern vielmehr für den literarischen Stil, der damit einhergeht. Die Objektivität des Protagonisten – es gibt eine gleichwertige Unterscheidung zwischen dem Anekdotischen und dem Dramatischen – erschafft diese faktische Sprache, die so lange Mode war. Von Camus’ Fremden bis zu Kafka scheint der Erzähler gefühllos und passiv. Etwas verbindet Tagebücher mit dem Schreiben von Phantastischem. Muss wohl die Schlaflosigkeit sein.

PK: Der Titel Waiting for Sleep bemerkt: Teil 1. Wird es weitere Teile geben? Und warum ist das Tagebuch in mehrere Teile aufgebrochen?

JH: Es wird einen zweiten und dritten Teil geben, da es in der Story drei Tage gibt. Jeder Teil beschreibt einen davon. Aus mehreren Gründen bin ich recht zufrieden mit dem Zeitplan gerade. Selbst wenn der ganze Film fertig ist, hoffentlich in einem Jahr, würde ich gerne die Zäsuren behalten.

Jean Hubert (1987, FR) lebt und arbeitet in Amsterdam. 2010 schloss er die Ecole Nationale Superieure des Beaux-Arts de Paris (Ensba) ab und folgte einem Residenzprogramm an der Rijksakademie. Im Jahr 2014 nahm er am Residenzprogramm der BilbaoArte Fondation teil. Seine Praxis konzentriert sich auf Video. Er nahm an mehreren Ausstellungen in Frankreich und im Ausland teil, so zum Beispiel im Visio Schermo del Arte (Teatro la Compania / Florenz, 2016), The time I spent going nowhere (Billytown / La Haye, 2016), Personal Science Solution Is For Me (Momart/Amsterdam, 2015), The Script Inside Me ep- 01 T(Fondation BilbaoArte/ Bilbao, 2014), The Great Indoors (Motive Galery/Bruxelles, 2013), The Rijksakademie Open (Amsterdam/2012&2013), the Salon de Montrouge (2012).Im Jahr 2016 hatte er zwei Solo-Shows, eine in Hector, Mexiko DFE – Panorama Jean Hubert und die andere Mouvement suivant, in La Petite Galerie, Paris.