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Ein Versuch über den Deutschen Wald

Von Tabea Rossol & Pujan Karambeigi

Unter freiem Himmel mit terra0.org

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächtiger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäftige Welt.
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt! 1


Fußnoten

  1. Joseph Eichendorff, Abschied, 1. Strophe

  2. Joseph von Eichendorff, „Zur Geschichte des Dramas“, Brockhaus Leipzig 1854

  3. Oskar Seidlin „Eichendorffs symbolische Landschaft“ in Stöcklein (hrsg.) Eichendorff heute, S.218-241, S.219

  4. für weiteres siehe http://book.terra0.org

  5. http://book.terra0.org

  6. Friedrich Kittler, Optische Medien, Berlin: Merve Verlag (1999), 316

Fahrt aus Berlin raus verläuft ereignislos. Beim Verlassen der Stadtgrenzen fällt der Osten ein. Korrigiere: Er war vorher schon da. Es ist 12.34 Uhr. Einige Notizen aus dem braunen Heft: Der Blick ist unendlich, verliert sich in der Fläche (Assoziation mit Norddeutschland, wobei in ND die Felder und Wälder ineinander verlaufen, hier ist es getrennter). – Wir fahren vorbei an: Platten, Baumärkten, Baumschulen, Getränkemärkten. Wir lesen Hellweg, wir lesen Baumschule Scheerer, BMW Autohaus. – Vieles nicht fotografiert (in Zukunft: Kamera bereithalten). [weiterlesen]

Wieder Eichendorff: „In der Natur aber, in den Träumen der Waldeinsamkeit, wie in dem Labyrinth der Menschenbrust, schlummert von jeher ein wunderbares unvergängliches Lied, eine gebundene verzauberte Schöne, deren Erlösung eben die Tat des Dichters ist“ 2.

Eichendorff und der Wald: Der Wald ist Ort der Sehnsucht, Heimweh. Das ‚grünze Zelt’ ist das numinose „ganz Andere“ aber auch der Ort der Selbst(er)findung. Indem die Tiefe des dunklen Waldes das ‚Labyrinth der Menschenbrust’ spiegelt, ist er, der deutsche Wald, Ort möglicher Selbstbeobachtung. Nicht irgendeine Form von Selbstbeobachtung: Der Wald ist ein Kryptogramm 3. Man muss ihn lesen lernen. Ein Geheimtext, welchen nur der Dichter entziffern kann. Eichendorff ordnet verschiedene Symbole in diesem Kryptogrammn. Sie wiederholen sich und tauchen immer wieder in seiner Dichtung auf. Der Wald als symbolischer Raum, als Text, dessen Vokabular Träger möglicher Selbstbeobachtung und Selbsterkenntnis ist.

Fig. 1: This is not an Eichendorff Krytogramm

Eichendorffs Dichtungen über den deutschen Wald schreiben sich nur im Austausch mit direkter Wahrnehmung. Die romantische Projektionsfläche Wald, das fast schon mystische Andere im Eigenen musste gesehen, die „Waldeinsamkeit“ gefühlt werden. Dichtung, die qualitative Übersetzung eines unmittelbar Erlebten in die lineare Form des Texts, ermöglicht den Blick auf das deutsche Subjekt. Die Textmasse des sich selbstsuchenden Dichters schreibt sich im Anblick der ihn umgebenden Wald-Worte.

Fahrt zu den Koordinaten 52°27’39.8″N 13°50’22.9″E dauert ca. eine Stunde. Dann der Wald. Der Wald hat die Nummer 78 und 79 (Notiz: – Nachfragen, was das genau heißt). Wir stehen mittendrin. Um uns herum Bäume, Vögel, Blätter, ein bisschen Müll, kleine Grasflächen, ein Jägerturm, das Ganze von einem Zaun umrundet. Fühlt sich hier jemand beobachtet? Dieser Wald ist special, anders, als die Wälder um ihn herum: Er schaut sich selbst zu.
terra0 heißt der Wald, in dem wir mit unseren Handykameras und unserem Notizblock stehen. Noch steht er in einer vertraglichen Beziehung zu den drei Projektinitiatoren Paul Seidler, Paul Kolling und Max Hampshire. Wie steht man in einer vertraglichen Beziehung zu einem Wald? Einem Wald, der sich selbst beobachtet, um ein NHA (Non-Human-Actor) zu werden (oder schon zu sein?).

Fig. 2: Satellitenbild von terra0

Von einem Pächter haben die drei Künstler den Wald in Brandenburg erworben, 1/10 Hektar, den sie nun terra0 in einem smart contract überschreiben 4. Durch die Kombination eines Blockchain-Algorithmus mit einem smart contract ist es terra0 möglich, Lizenzen von sich selbst zu verkaufen. Mit diesen Lizenzen, oder ‚Woodtoken’, kontrolliert der Wald, wie viel er von sich selbst jeweils zur forstwirtschaftlichen Nutzung veräußert. Mit den Gewinnen kauft der Wald sich selbst zurück, kauft sozusagen Aktien von seinen Aktionären (den Projektinitiatoren). Sobald er alle Aktien gekauft hat, ist der Wald alleiniger Gesellschafter von sich selbst, ein autonomer Agent also. Der Wald ist an dieser Stelle kein einfaches Werkzeug mehr, nicht einfach eine Ansammlung von Holz, das darauf wartet gerodet zu werden, sondern algorithmisch organisierter Peer, mit eigenen Interessen, Zielen und Werten: „a prototype of a self-utilizing piece of land“, ein nicht-menschlicher Akteur also 5
Die angestrebte Autonomie terra0’s wird durch Selbstbeobachtung ermöglicht. Die Daten, die den Algorithmus speisen, werden durch Selbstbeobachtung generiert. Das soll der Wald selbstgesteuert, mittels remote sensing machen: Drohnen, so programmiert, dass sie in regelmäßigen Abständen über den Wald fliegen und Satellitenbilder erstellen (Fig. 2). Diese Satellitenbilder, Selbstbilder terra0s, sollen dann analysiert werden, um die jeweilige Rodungsstellen zu bestimmen, ohne dabei die Baumpopulation zu gefährden. Ein adaptives Feedback-System, das mittels genauester Quantifizierung sich selbst ermittelt. Zeigen die eigenen Bäume Krankheits- oder Alterserscheinungen können sie einfach und direkt von einem Rodungsunternehmen abgeholzt werden. Nie jedoch wird so viel abgeholzt, dass der Wald plötzlich kein Wald mehr ist (und z.B. Wiese wird). terra0 ist so ausgelegt sich selbst treu zu bleiben.

Fig. 3: 5 Dimensionen in 4 Schritten

Sich selbst finden, um sich selbst treu zu bleiben funktioniert nicht mehr anhand von Eichendorffs Kryptogrammen. Der Wald ist an dieser Stelle nicht mehr Eichendorffs 1-dimensionaler Text, der sich selbst in den umliegenden Worten des dunklen ‚Anderen’ sucht. Er ist nicht mehr das Alphabet der „Seele“, das sich durch menschliche Wahrnehmung lesen lässt. „Ob Digitalrechner Töne oder Bilder nach außen schicken, also ans sogenannte Mensch-Maschine-Interface senden oder aber nicht, intern arbeiten sie nur mit endlosen Bitfolgen“ 6. Wir sind in der 0-Dimension angekommen: Ziffern und Bits. terra0 entdeckt sich selbst als eine Summe, eine sich ständig aktualisierende Fläche aus Punkten (Fig. 3). Beobachtung ist hier weder tastend, auditiv noch optikal. Sie bezieht sich auf kein zu entschlüsselndes Material, das Kryptogramm, sondern verfährt als reines Kalkül. Insofern erstellt remote sensing auch nicht wirklich Bilder, sondern Zahlenreihen. Und so wie Eichendorff in seiner ‚Waldeinsamkeit’ lauter Worte seiner selbst entdeckte, die er vor sich auf Papier ausbreitete, schaut der nun autonome Blockchain-Algorithmus-Wald sich selbst beim Rechnen zu. Mit einem Wald als Zahlenfläche bedeutet Selbstbeobachtung, dass Zahlen andere Zahlen beobachten.

Wir stehen noch immer in terra0, Nummer 78 und 79, einem Brandenburger Wald, 1 Stunde entfernt von Berlin. Es bleiben die einzigen Zahlen, die wir in dem grünen Zelt zu Gesicht bekommen.