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Zwei Geschichten über digitale Einsamkeit und eine kurze Geschichte der Angst

Von Orit Gat,  Übersetzt von Pierre Schwarzer
WLAN im alten Havanna

Ich bin nicht mehr im Netz. Meine automatische E-Mail-Antwort lautet: „Ich bin auf Reisen in Cuba bis zum 25.6., wo ich sehr begrenzten Internetzugang haben werde und genau darüber schreiben werde.“. Ich flog mit einem Künstler nach Cuba um die seit kurzem eingeführten öffentlichen WLAN-Netze in Havanna zu erforschen, um herauszufinden, wie Leute 2016 das erste Mal das Internet nutzen. Ich entdeckte vor allem den Wunsch nach Verbindungen. Ich sah Leute auf öffentlichen Plätzen weinen, sie sprechen das ersten Mal seit Jahren wieder mit ihren Familien. Die meisten Menschen um mich herum waren auf Facebook, selbst wenn sie unregelmäßig online waren, tage-alte Photos mit einem „Like“ versahen, Profile, die seit Wochen unverändert blieben, betrachteten.

Ich war nur 10 Tage in Cuba, ich habe mich nie einsamer gefühlt. An einem dieser Tage, saß ich vor einem Hotel in Havanna, mit dem WLAN verbunden, schaute ich schnell in die Nachrichten und las von Tim Peake, einem Britischen Astronauten, der nach sechs Monaten auf der ISS-Raumstation in diesem Juni aus dem All zurückkehrte. „Peake wird einige Tage benötigen, um wieder laufen zu lernen“, las ich und dachte, dass mich wahrscheinlich alles über Isolation persönlich berühren würde, weil ich eine Art Internetentzug durchmachte. Nachts, im Bett meines gemieteten Zimmers in Havanna, fühlte es sich anders an, ein Buch zu lesen bis ich einschlief, als in New York, wo ich mein Handy neben mir hatte, blinkend durch die Verbundenheit mit dem Rest der Welt. Offline kam mir der Gedanke, dass digitale Isolation eine besondere Form von Einsamkeit sei. Denn dieser Zustand hätte sich natürlicher anfühlen sollen, denn nicht ständig verbunden zu sein, fühlt sich gewöhnlicher an, als um drei Uhr morgens Arbeitsmails zu bekommen. Was wie ein abschreckendes Beispiel scheint, ist eigentlich ein neuentdecktes Bewusstsein davon, was sich schon lange abspielt: wenn unsere persönlichen Beziehungen durch Technologie vermittelt werden, können wir das Gefühl unserer Verfügbarkeit, der Verfügbarkeit anderer, nicht ersetzen. Und das bringt eine andere Form von Einsamkeit zutage: die Einsamkeit von jemandem, der immer verbunden ist.

In meinem Bilderordner – wir alle haben einen auf unseren Rechnern, mit gesammelten Photos aus dem Netz, kontextlos ungeordnet und aus merkwürdigen Gründen durchsucht – ist ein Screenshot, zu dem ich immer wieder zurückkehre: Jennifer Ringley von Jennicam hält einen Zettel vor die Kamera und ihr rechtes Auge, während das linke Auge direkt in die Linse starrt. Auf dem Papier steht: I FEEL SO LONELY. Ringley war einsam, obwohl sie von Tausenden beobachtet wurde. Sie wurde auch zum Symbol von dem, was sie nicht war: dem ersten Camgirl. Ringley war Studentin als sie sich die Programmieraufgabe stellte, eine Seite zu bauen, die automatisch alle 15 Minuten eine Bild mit der Webcam aufnimmt und dort hochlädt. Daraus wurde eine Sensation. Sieben Jahre lang schauten Internetnutzer auf Ringleys leeres Zimmer, beobachteten sie beim Schlafen im Bett, schauten zu, wie sie nach dem College-Abschluss nach DC und dann Sacramento zog, sahen ihr beim Lesen von Büchern und Arbeiten zu, sahen sie allein und in Gesellschaft. Es war ein Experiment der Vernetzung, dass jede gängige Vorstellung von menschlicher Neugier, Voyeurismus und Exhibitionismus auf den Kopf stellte und auch die Frage, was es bedeutet jemanden zu kennen. [read on]

wenn der große Andere fort ist

Ich schaue auf Ringleys I FEEL SO LONELY Photo. Ein einziges Bild von der Vielzahl der Schnappschüsse von Jennicam. Damals hieß das „lifecasting“ – ein öffentlich gelebtes Leben, sichtbar im Web, um zu schauen, was passieren könnte. Jetzt wo persönliche Blogs auftauchten und verschwanden und soziale Netzwerke die Modi der Selbstpräsentation völlig verändert haben, erscheint die Idee des Lifecastings beinah skurril: Ist das nicht alles was wir tun? Ich betrachte dieses eine Bild und denke nicht nur an Ringleys Avantgardismus, sondern auch an ihre Einsamkeit. Sind Menschen, die einer Livecam anschauen, Zuschauer oder Anhänger, „audience“ oder „follower“? Letzteres Wort hat natürlich sehr viel später, mit dem Aufkommen Instagrams und Twitters, einen anderen Einschlag bekommen. Ringleys Einsamkeit fühlt sich auf eine Weise echt und ehrlich an, wie es heute keine Instagram Post tut. Es fühlt sich unschuldig an.

Was ist aus dem Internet geworden? Es ist süß, wenn wir es nutzen, um uns zu verbinden, doch mit den Jahren ist dieses Begehren von Interaktion von Unbehagen gefärbt. Es gab den Optimismus des frühen Internets – auch wenn es natürlich nicht so unschuldig war und die Tage der ASL-Fragen [Age, Sex, Location] in Chatrooms noch heute von Frauen prägend für deren Sexualität bezeichnet werden, die für sie als Jugendliche übergriffig war. 2005 schrieb Kevin Kelly – einer der ersten, der über das Internet und „Netzkulturen“, wie wir sie heute nennen, Artikel verfasste und glaubt, dass er womöglich eine der ersten Personen ist, die per E-Mail einen Job bekam – einen Artikel für Wired, dass er mitgründete, mit dem Titel „We are the Web“. Er feierte darin den 10. Jahrestag von Netscapes Börsennotierung als Wahrzeichen der Internetgeschichte. Der Untertitel: “Die Börsennotierung Netscapes hatte nicht viel mit Internetwirtschaft zu tun. In dessen Herzen lag eine neue kulturelle Kraft der Massenkollaboration. Blogs, Wikipedia, open source, peer-to-peer – hier kommt die Macht des Volks.” Kelly skizziert die Entwicklungen des Netzes zwischen 1995 und 2005, dann stellt er sich 2015 vor. Es ist ein unglaubliches Beispiel für die hoffnungsvolle Stimmung: “Diese Ansicht ist erschreckend göttlich. Man kann seinen Blick von einem Fleck der Satellitenweltkarte per Klick in eine 3D-Ansicht verwandeln. Erinnert ihr euch noch an die Vergangenheit? Da ist sie. Oder man hört sich die täglichen Klagen und Belastungen von jedem Bloggenden an (und tut das nicht jeder?). Ich glaube nicht, dass Engel eine bessere Sicht der Menschheit haben. Denn wenn wir eines gelernt haben im vergangen Jahrzehnt, ist es die Wahrscheinlichkeit des Unmöglichen.“

Was ist aus der Plausibilität des Unmöglichen geworden? Als Nicholas Carr in seinem Berühmten Atlantic-Artikel (und dann einem Buch namens The Shallows [Die Seichten]) behauptete, dass „Google uns dumm macht“, weil wir, wenn wir online lesen nicht mental kartieren können; weil wir beim Online-Suchen Informationen nicht so wie zuvor behalten, schien er plausibel. (Ich denke daran, wie mein Passwort für fast jede Seite die Telefonnummer des Hauses, in dem ich aufgewachsen bin, enthält. Ich denke auch daran, wie wenige Telefonnummern ich heute auswendig kenne.) Und das war 2008 – so kurz nach Kellys Gottessicht auf die Menschheit. Es gab nach Kellys Beschwingtheit so viel Beiträge und Bücher über die Auswirkungen des Netzes auf uns, dass es schon fast Allgemeinwissen ist: Wissenschaftsautoren und Technologiekritiker stürzten sich in Spekulationen wie und was das Netz an unserem Alltag verderben würde – unser Verstehen, unsere Freundschaften, unser Mitgefühl. Und selbst wenn diese Katastrophenszenarien nicht allzu wörtlich genommen werden sollten – womöglich werden in einem oder fünf Jahrzehnten Menschen immer noch Geschichten schreiben, auch wenn sie keine Telefonnummer mehr im Kopf haben; und wir werden alle, zum Beispiel, besser Photobetrachter sein und statt Erinnerungsfähigkeiten werden wir sehr kompetent Informationen einstufen können (keine Fake News mehr!) – lassen wir doch Technologie stetig näher an unsere Leben und Beziehungen. Die Werbespots für Amazon Alexa finden größtenteils zuhause statt, in einem Familiensetting („Alexa, bestell mehr Mehl“, fragt eine Mutter, die mit ihrer Tochter einen Kuchen bäckt und „Alexa, füge meinem Kalender in einem Jahr das Ereignis „Jahrestag“ hinzu“, sagt ein junger Mann, der sich eine Fliege bindet) und stützen sich maßgeblich auf heteronormative Situationen zur Gewöhnung an die Anwesenheit und das zunehmende Eintreten der Technik in unsere Intimität.

Charlie Brooker, Erfinder der Channel-4-und-dann-Netflix-produzierten Serie Black Mirror beschreibt seine Schöpfung als eine Sendung, die „im Gebiet zwischen Vergnügen und Unbehagen“ haust. Es ist schwer, nicht von Technologie fasziniert zu sein, nicht mit offensichtlichem Vergnügen, teilzunehmen. Und dann lesen wir auf denselben Bildschirmen über die NSA und Wikileaks, verdecken unsere Webcams und kartieren, wie wir nach dem Anschauen eines einzelnen Produkts anschließend über Monate dafür mit Werbung bombardiert werden. Teil des Netzes zu sein, hat sich radikal von einem der wichtigsten intellektuellen Projekt der Menschheit hin zu einem Netz regiert von ökonomischen und nationalen Interessen entwickelt, die den Nutzern, die dessen Zielscheibe sind, unzugänglich bleiben. [read on]

Während wir über die Zukunft der Technologie nachdenken, sollten wir über den jetzigen Zustand als faszinierende Etappe in unserer Beziehung zu ihr nachdenken: weder ein hier noch ein da, einfach ein Moment vor Black Mirror, die sich in einer nicht näher beschrieben Zukunft omnipräsenter und ominöser Technologie abspielt. Man kann alles über eine Gesellschaft über die Art, wie sie ihre Zukunft reflektiert, lernen, und unsere hat sich immens weit von den Hoverboards und selbstschnürenden Sneakern aus Zurück in die Zukunft entfernt und der grau-düsteren Farbpalette von Black Mirror genähert.

Noch ein letzter Gedanke zur Einsamkeit: über zehn Jahre lang hat ein Faden auf einem der Foren der Seite moviecodec.com, normalerweise der Diskussion von digitalen Videoformaten dienend, überlebt. Sein Titel war [übersetzt]: „Ich bin einsam, kann irgendjemand mit mir reden?“ und der erste Post lautete: „Bitte kann irgendjemand einfach über irgendwas mit mir reden.“. Über die nächsten Zehn Jahre wuchs der Nachrichtenfaden auf 2000 Seiten an, Leute beteiligten und kommentierten, viele schauten zu. Jahrelang war der Post, jetzt ein bekanntes Internetphänomen, ganz oben bei der Google-Suche für „Ich bin einsam“, was bedeutet, dass er für den einfachsten Grund besucht wurde – der Suche nach Hilfe – und ohne Nachdenken wurde der Leichtigkeit der Gewohnheit nachgegangen: einer Sucheingabe ohne Erwartung einer Lösung, vermutlich. Als etwas, dass die Menschen beschäftigte. Und dann fanden sie diesen Post, und seine Nähe und Einfachheit und unerwarteten Konsequenzen. Ein weiterer Moment des Optimismus: ein Zeichen, dass selbst wenn Technologie nicht immer unseren –menschlichen- Bedürfnissen entspricht, wir irgendwie klar kommen.

Orit Gat ist eine Autorin zwischen London and New York. Ihre Artikel zu Gegenwartskunst und digitaler Kulture sind unter anderem in frieze, e-flux journal, The White Review (wo sie eine der Redakteurinnen ist), ArtReview, Art Agenda, Flash Art, The Art Newspaper, Mousse, The Brooklyn Rail, Art in America, Metropolis M, Spike Art Quarterly, Camera Austria, Review 31, Momus, und LEAP erschienen sind. Sie ist Gewinnerin des Creative Capital/Warhol Foundation Arts Writers Grant in der Kategorie „short-form writing“ (2015) und war finalistin des Absolut Art Writing Award (2017).