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Today I am functional

von Christiane Heidrich

Und während die Möglichkeiten sich aufbäumen, berührt zu werden,
mein eigener Körper ausgerechnet hält still.

Ich brauche präzise eineinhalb Stunden von meinem Aufenthaltsort zur Destination,
die mir weitergegeben wurde, zu der ich aber auch will.

Von weiter weg gesehen halte ich große Objekte abwechselnd in die Kamera.

Meine Hände sehen dabei unschön aus. Sie schimmern, als wären sie durchsichtig, träge.
Als lägen sie absichtslos in der Zeit und verwiesen auf nichts.

Ich gebe den Zielort ein, mit angespannten Organen. Ich habe kein Thema.

 

 

***

 

 

Die Fragen, die ich mir heute noch stellen werde, haben alle mit Abwicklung zu tun.

Die Fragen, die ich mir heute noch stellen werde, haben alle mit Abwicklung zu tun und Verbrauch.

Mir steht eine Ordnung bevor. Ich hebe vorsichtig meine Beine und betrachte den Riesen,
der kaum erkennbar ist.

Ich verliebe mich in die Vorstellung, einen Plan zu haben. Ich schlafe auf meinem
Laptop besser als je zuvor.

Der Hauptteil des Projekts ist abgeschlossen und es gibt nichts zu erzählen. Ich sortiere mich. Es gibt viel zu erzählen.

Mein Einflussbereich hat sich ausgeweitet. Wenn ich im Fahrstuhl lache mit meinen
Kolleginnen, verspüren wir jedes Mal noch mehr Resonanz.

 

 

***

 

 

Fertige Identität. Abgeschlossene Landschaft. Nicht weiter zu bearbeitendes Bild.

Wenn ich eine Bitte formuliere, einen Facebook-Kommentar,
einen kleinen, verschwitzten Faden versuche durch eine Öse zu ziehen und die Sprache

sich aufgibt an genau der Stelle, wo sie zu wenig vermittelt in kurzer Zeit.
Kannst du mir die Haare zurechtlegen wie etwas, das schiefgegangen ist,

aber gut rüberkommen soll? Mir die Schultern hinbiegen? Die körpernahen Geräte
noch näher zur Haut hinführen? Eine Art Schmuck, den ich an- oder ablegen könnte.

Verwendung, die ich an- oder ablegen könnte. Pressspan, zerknüllte Aktzeichnungen, Rechnungen, falsch konvertierte Dokumente. Trotzdem nichts, das unlesbar wird.

Keine wirklichen Löcher, hier, wo unsere besten Kunden ausgestreckt schlafen.

Auf einer rutschigen Fläche unbeantworteter Nachrichten. Auf einer geschäftigen
Fläche zu- und abgesagter Events.

Beim Blinzeln in Überwachungskameras wissen wir. Die unangenehmen Gefühle
stehen am offensten für ihren Verbrauch.

 

 

***

 

 

Deine Wahl, die mit den Schultern beginnt. Mit dem sukzessiven Hinzutreten
anderer Gremien fortgesetzt wird. Ich ahne den Körperaufbau,

ich willige unvorteilhaft in eine Bestandsaufnahme ein. Zu fröhlich die Namen
schwenkend, zu verbissen, nasal. Nehme ich andere Gegenstände

im Raum einfach hinzu. Wie Körperecken, Liegengelassenes, deren Nicht-
Zu-Mir-Gehören mir keiner nachweisen kann.

So entsteht etwas für beide Seiten Ungeschicktes. Eine unabsehbare Vermehrung
von Seiten, Zeichen und Ticks. Was für eine Vorstellung! Diese Vorstellung
ist das stammelnde Glühen in meinem Gesicht.

 

 

Christiane Heidrich studierte Sprachkunst in Wien und jetzt Bildende Kunst in Stuttgart. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit der Verschränkung von Körper und App. In vermeintlich neutralen Visual-Computing-Programmen spürt sie dort, wo Selbstverwirklichung gerenderte Realität wird, doch Relationalität und Affektivität auf. Christiane Heidrich arbeitet mit Text genauso wie mit audiovisuellen Medien.

Die Veröffentlichung von Today I am functional mitfreundlicher Genehmigung von Edit – Papier für neue Texte.

Max Wallenhorst: Christiane, du gehst in deiner Arbeit mit digitalen Oberflächen um, die als neutral und glatt dargestellt werden, und suchst nach ihren Reibungspunkten. Du arbeitest dabei in den Medien, in denen diese Oberflächen besonders paradigmatisch geworden sind, mit Animationen und Selfies, Videos und Bildern. Aber du schreibst auch! Was ich superspanned finde, weil die poetische Annäherung an Adobe-förmige Digitalität zunächst nicht so naheliegend scheint. Dumme Frage: Warum? Welche Möglichkeiten bieten dir Schreiben und Text bei deiner Arbeit?

Christiane Heidrich: Die zunehmende Glätte der digitalen Oberflächen setzt ein Besserwerden der Programme voraus und, dass eine*r gekonnt die Möglichkeiten ausschöpft, die ständig aktualisiert und mehr werden. Mich interessiert, dass sich das aufs Schreiben nicht so einfach übertragen lässt. Es ist unklar, woran ein hochaufgelöster Text erkennbar ist, oder, wie er ensteht. Hat das was mit kontextbezogenen, professionellen Sprechweisen zu tun, mit „Hochsprache“, einem bestimmten Inventar im Text? Assoziiere ich ein solches Schreiben mit Marketing- und Techniksprachen, weil dort die glatten Oberflächen so präsent sind, oder haben hochaufgelöste Umgebungen umgekehrt Effekte aufs Sprechen? Im Text kann ich die diffuse Mischung von Reiz und Zwang, die diese Umgebungen auf mich ausüben, aufdröseln in zugespitzte Sprechpositionen, die gegeneinander stehen und verwickelt sind, und damit keine Neutralität behaupten.

Inwiefern ist für dich Schreiben ein körperliches Medium? Muss man ihn erst designen, damit er im Text auftauchen oder ist er eh schon immer da?

Der Körper steht immer schon in Frage und diese Frage bewegt den Text. Nicht nur dort, wo das Wort Körper auftaucht oder Körperteile, sondern da, wo das Sprechen einsetzt, das Bedürfnis, überhaupt etwas zu sagen. Falls es einen designten Körper gibt, ist er auf der anderen Seite, hat Klamotten an, eine Frisur, eine Form, schreibt den Text. An einem Punkt, wo es nicht darum geht, das Design zu ändern, um eine andere zu werden, sondern in verschiebbaren Konstellationen zwischen Ichs und Dus das Design zu verspielen, sich durch den Raum zu bewegen, macht das Schreiben vielleicht etwas möglich.

Was ich so toll finde an diesen Texten: Für mich bleibt immer offen, ob ein Zeichen von Lebendigkeit – „das stammelnde Glühen in meinem Gesicht“ – ein Ausdruck von eines Glitches ist oder nur ein besonders realistischer Effekt des Renderings. Inwiefern spielt sowas wie technologischer Optimismus oder Pessimismus für dich eine Rolle?

Wo die Erfassung von Körpern und Identitäten immer exakter wird, suche ich schon diese Lücken, wo es für die Einordnung nichts mehr bringt, dass das Glühen klar erkennbar ist, wo sich irgendwas im Technischen dem Technischen entzieht.