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Tell me the story Of all these things

von Rehana Zaman,  Text von Shama Khanna,  verfügbar 20.06. - 04.06.17,  übersetzt von Pierre Schwarzer
Rehana Zaman, Tell me the story Of all these things, 2016, film still. Courtesy: The artist & Tenderpixel

Beim Schauen von Rehana Zaman’s letzter Video-Arbeit “Tell me the story Of all these things” [Erzähl mir die Geschichte all dieser Dinge], muss die Zuschauer_in sich in Toleranz üben: sowohl die gezeigten Themen als auch die gewählten Methoden fordern dies. Das Video ist strukturiert sich um eine inszenierte Kochvorführung. Die Unterhaltung ist auf entwaffnende Weise freimütig im Hinblick auf Farahs neu-empfundene Befähigung als Frau mit Möglichkeiten, und Sex-Appeal. Sie spricht über den graduellen Abbau ihrer Hemmschwellen (“I’m just a big kid at heart!” [Ich bin im Kern ein großes Kind], sagt Sie, “I shock people …” [ich schockiere Menschen]), und dieser Prozess spiegelt sich im Mangel an Zurückhaltung, den wir bemerken, als die Kamera über ihre unlackierten Nägel und Pantoffeln fährt, während sie intuitiv das Essen vorbereitet. Dies wirkt sich konzeptuell wie auch strukturell aus: der Staub der aufstrebenden Hausfrauen wie Martha Stewart und Mary Beard wird aufgewirbelt und die zunehmend gewöhnliche Materialität der Situation eingefangen. Martha Rosler’s “Semiotik der Küche” (1975) fällt als Maßstab für die Situation feministischer Navigation durch Küchen ein, aber diese Situation bedarf nicht derselben Melodramatik. Rehanas Transgression liegt im Verweilen auf erotischer Empfindlichkeit über einer objektiven Kritik des Bildes ihrer Schwester.[weiterlesen]


Fußnoten

  1. Audre Lorde, The Master’s Tools Will Never Dismantle the Master’s House, in: Feminist Postcolonial Theory, ed. by Reina Lewis, Routledge, 2003, 25-28, 26

Rehana Zaman, Tell me the story Of all these things, 2016, film still. Courtesy: The artist & Tenderpixel

Die Erotik, die im Film im Spiel ist, bezieht sich sowohl auf das Bild Farahs, als auch auf Rehanas Beziehung zu ihr. Die Theoretikerin Joan Morgan unternahm den Versuch einer radikal neuen Rahmung existierender Narrative um den nicht-weißen weiblichen Körper, den sie als einen Ort wiederkehrender Traumata und kompromittierter Sexualität beschreibt. Hierbei entwirft sie eine neue Begrifflichkeit einer Politik des affirmativen Genusses. Morgan stellt Geschichten und Bilder des Begehrens schwarzer Frauen in den Vordergrund, Agentenschaft und Genuss dienen dabei als notwendiges und lebbares (nicht-nicht-akademisches) theoretisches Paradigma. Farahs vollständige Leichtigkeit im Auge der Kamera und ihr selbstironischer Humor erzeugen eine sehr intime Erzählweise. Es ist eine Art unwirkliche Qualität der Interaktion, die Zusehende unerwartet trifft. Morgan schlägt vor, dass der nicht-weiße, nicht-reiche, nicht-junge weibliche Körper den Status eines “unsichtbaren Subjekts” besitzt, der im nicht-kartierten Gebiet jenseits des Unsichtbaren verweilt. Dieser Raum wird womöglich angedeutet durch die animierten Sequenzen innerhalb des Films, eine weibliche Figur zeigend, die mit karger Landschaft verschmilzt, holprig und flüssig wie die Umrisse und Bewegungen ihres imperfekten Körpers.

Die Wärme, die Farah mit ihrer Schwester und uns als Betrachtenden teilt, steht im Kontrast mit dem viktimisierenden Ton der E-Learning Seite „Prevent“, von der Rehana Auszüge samt nörgelnden Klangteppich herbeizieht. „Prevent“ ist ein Online-Training der britischen Regierungen zur professionellen Nutzung an denen, die Radikalisierung ausgesetzt oder empfindlich dafür sind. Es scheint jedoch eher der weiteren Entfremdung des Bevölkerungsanteils, den es zu schützen behauptet, zu dienen. Das Auslassen des Kontexts von Farahs Kochen und die Auszüge aus der Webseite stehen nicht sonderlich weit voneinander entfernt. Sie verweisen genau auf die fragmentierte Identität einer Britisch-Asiatisch-Muslimischen-Frau- und –Mutter, die davon spricht, sich nicht wohl in ihrer Kleidern zu fühlen, ihrem Schleier, und die zugibt, den dunklen Hautton anderer Frauen zu bemerken, sich um diesen umgekehrten Rassismus sorgend. Der ertastbare Sinn von Farahs zurückeroberten Stolz und Selbstwerts als Überwinden des Traumas des Missbrauchs ist die Verkörperung des Persönlichen als Politisches und als Agent.

Rehana Zaman, Tell me the story Of all these things, 2016, film still. Courtesy: The artist & Tenderpixel

Obwohl der Umfang ihrer Unterhaltung grenzenlos scheint, bleibt Rehanas Kamera im Hintergrund unhinterfragt. Hier erklärt die Künstlerin die Differenz zwischen ihr und ihrer Schwester nicht hinfort. Die farbvollen Übergänge mit Früchten und Gemüse und emphatischen Handbewegungen sind von ähnlich unbegrenzter Zärte wie das Gespräch zwischen den Frauen. In ihrer Vorlesung „Die Werkzeuge des Meisters“ aus 1979 spricht Audre Lorde von einer Aufmerksamkeit für Unterschiedlichkeit, die eine Gemeinschaft gleichsam stärken wie halten kann und mit weiblicher Solidarität beginnt.

In der gegenseitigen Abhängigkeit gemeinsamer (nicht-dominanter) Unterschiede liegt diese Sicherheit, die uns erlaubt in das Chaos des Wissens hinabzusteigen und mit wahren Zukunftsvisionen zurückzukehren, gemeinsam mit der notwendigen Macht, diese Veränderung in der Zukunft ins Leben hineinzubringen. Unterschiedlichkeit ist diese rohe und mächtige Verbindung, aus der unsere persönliche Macht geschmiedet wird. 1

Die Arbeit “Tell me the story Of all these things”, eigentlich eine Dreikanal-Videoinstallation, hat seinen Titel aus dem Roman “Dictee” (1982) von Theresa Hak Kyung Cha, der Themen der Fragmentierung und Entörtlichung durch einander überlappende Geschichten mehrerer ikonischer Frauen aufgreift. In Besichtigungen ihres Studios, genauso wie während ihrer Performances verweist Rehana auf eine Reihe von Autor_innen, Künstler_innen und Denker_innen, wie Gail Lewis, Hortense Spillers, Keith Piper, George Yancy, Octavia Butler und Künstlerinnen aus dem Women of Colour Index, um nur einige zu nennen. Die Liste ist insofern nennenswert, als dass sie die Entdeckung eines alternativen Kanons aus Referenzen aufzeigt, Autor_innen, die eine Überschneidung von dekolonialisierenden feministischen Erzählungen und Narrativen bevorzugen. Ein weiterer Grund, die Art unseres Sehens und Sinngebens in diesem Hinblick zu hinterfragen. Als Zuschauer, Farah aus Rehanas Perspektive hinter der Kamera betrachtend – was könnten ihre individuellen und gemeinsamen Erfahrungen sein, als Subjektivitäten die, vor einem Hintergrund extremistischen Terrors und extremer Angstmacherei, weder ihre Hautfarbe noch die Religion ihrer Familie als gegeben erkennen können und dennoch verantwortlich für die Angst anderer gemacht werden?

Die Künstlerin Hannah Black hat zuletzt bemerkt, dass nach Sklaverei und Kolonialisierung die Apokalypse bereits geschehen sei, „und das sind alles deren Folgen“. Während das Versprechen techno-wissenschaftlicher Utopien und eine Zukunft jenseits des kapitalistischen Realismus uns entweichen, verbleiben gewichtsvoll die Mythologie Drexciyas und anderer vergangener Zukunftsfiktionen, die in jenem Punkt der Krise und Neubezeichnung verankert sind. „Tell me the story…“ ist eine Erinnerung daran, sich nicht in Fantasien zu flüchten, sondern das uns nicht-chronologisch Nächste anzuerkennen – unsere Beziehungen zu Frauen und Nuancen unserer persönlichen Erfahrungen als ernsthafte Mittel, Werkzeuge und Modalitäten lebensbejahender politischer Beteiligung.

Rehana Zaman (geboren 1982, Heckmondwike UK) lebt und arbeitet in London. Sie erhielt ihren Bachelor in Fine Arts am Goldsmiths, University of London und vervollständigte ihren MFA in Fine Arts an selber Stelle im Jahr 2011.
Im Jahr 2015 wurde sie mit dem British Council research grant mit Museo de Art Carrillo Gil, Mexiko-Stadt und einem Gasworks International Fellowship in Beirut ausgezeichnet. Außerdem war Zaman ein LUX Associate Artist im Jahr 2012/2013. Sie ist Dozentin am BA Fine Art Programm am Goldsmiths, University of London.
Einzelausstellungen gehören Tell me the story Of all these things, Tenderpixel, London UK (2016-2017); Giantess, StudioRCA, London UK (2016); Some Women, Other Women and all the Bittermen, commissioned by The Tetley, Leeds UK (2014); I, I, I, I and I, Art Rotterdam Projections NL mit Tenderpixel (2014).