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SEXTING, SEASON 2

von Max Wallenhorst

Hi. Dies ist eine Einführung zur Serie gleichen Namens, zwei Episoden zu spät – also schnell und ich gehe superschnell nochmal Season 1 durch. OK. Recap. Sexting ist zunächst die digitale Kommunikation mit sexuell explizitem audiovisuellen und textuellen Material. Sexting ist ein neuer Begriff, obwohl er schon lange neu ist – seit 2004 – und seine Neuheit scheint schon, yep, gewöhnlich. So gewöhnlich, dass vielleicht selbst für wieauchimmer Unbeteiligte kein großes Geheimnis ist, wie es sich anfühlen könnte: Wie ein Liebesbrief, nur schneller. Wie echter Sex, nur langsamer. In mittlerem Tempo, aber mittleres Tempo als etwas offensichtlich Seltsames: Daneben, dann daneben-daneben, und wieder superlinear. Es wird, wie bei jedem Sex, eine gewisse Virtuosität von mir verlangt, um diese Rhythmen von Normativität und Nicht-Normativität zu navigieren. Eine Selbst-Technologie, deren medial-verkörperte Dimension Sexting als eine fühlbar vermittelnde Form besonders explizit macht. You have to get the pacing right, schreibt Vogue-Kolumnistin Karly Sciortino. Mit pacing, Taktung, sind hier nicht nur zeitliche, sondern auch räumliche Verteilungen angespielt. Wenn mein Sext als Push Message deinen Bildschirm erreicht, dann nicht nur im möglichst richtigen Moment, sondern auch in der möglichst richtigen Hand, auf dem möglichst richtigen Nachttisch, deinem, und nicht am Kaffeetisch deiner Mutter und hast du den Vorschaumodus im Homescreen ausgestellt oh nein.

Während die Mythen um 90er Cybersex unendliche Parallel-Universen in die Tiefe des Internets hinein imaginierten, beschwört Sexting, jenseits der Nische, das unendliche Stretching real-existierender Beziehungen in der Flachheit von Social Media. Optimistische Perspektivierungen von Sexting – von Vogue bis Vice bis hin zu ich schicke dir dieses Nacktbild meines Hüftknochens – Optimismen, die auf die Hoffnung setzen, Distanzen in Beziehungen per Medium zu meistern. Sexting, von da aus gesehen, bietet dann Episoden verkörpernder Synchronisierung, zum Beispiel zur Überbrückung in Fernbeziehungen, zur Vorbereitung in Dating-Apps, als Richtungswechsel in sexuellen Krisen. Pessimistische Perspektivierungen von Sexting verlegen sich auf die Angst, dass dazwischen etwas abhanden kommen könnte, abhanden im vernetzwerkten Sinn: Geteilt jenseits des eigenen Zugriffs. In den USA wird die Dominanz dieser Skandalisierung von Feminist*innen als Sexting Panic beschrieben: Aus Angst vor taktloser Weiterverbreitung des Selbstbilds sprechen konservativ-neoliberale Diskurse Jugendlichen, insbesondere Mädchen, das Recht auf die autoerotische Vervielfältigung des eigenen Körpers ab – die Verantwortung für sexuelle Gewalt wird einmal mehr in die Verwundbarkeit des zu Schaden kommenden Körpers eingeschrieben und nicht denjenigen zum Problem gemacht, die tatsächlich Revenge Porn hochladen und Unsolicited Dick Pics verschicken. Deren Verhalten, dessen mediale Möglichkeit wird weiterhin als konstitutives Minimalrisiko von Vermittlung verharmlost, Kategorie Du hättest es wissen können. So findet sich Online-Sex bezeichnenderweise in einer strengeren rechtlichen Situation wieder als Offline-Sex: In einigen Staaten greifen Gesetze gegen Kinderpornographie so, dass junge Erwachsene, die berechtigt wären, Haut an Haut miteinander zu schlafen, sexuell explizite Daten ihrer nicht volljährigen Körper nicht besitzen dürfen.

Kein Spoiler-Alarm: Sexting trägt, wie so viel Sex, normative Fantasien von Souveränität. Trägt sie so mit sich herum, ohne Ablagemöglichkeit. Zum Beispiel die Fantasie, dass ich meine, deine liebsten Körperteile immer genau bis dahin strecken kannst, wo du bist. Bei der Arbeit, in Miami oder Mitte. Und auch in Leben, die weniger normative Rhythmen versuchen als Vogue, muss ich dabei die Tricks der Taktung meistern, das pacing, sonst mache ich dich nicht heiß und ende als superlächerlicher Screenshot – oder, viel schlimmer, ich trete dir zu nahe. Für mich könnte der Sex in, vor oder nach Sexting besser sein oder schlechter – was soll ich dazu sagen, wo Episoden von Sex, mit der Feministin Lauren Berlant, immer nur related / unrelated durch Serien durchklingen, in die sie eingebunden sind. Aber dieser Slogan ist vielleicht nicht so relativistisch auf dem Beat, wie es sich zunächst anhört. Denn das ting in, vor oder nach Sexting verweist möglicherweise auf eine andere Infrastruktur: in all seiner Wörtlichkeit und Verbform, in der Nachahmung des iOS-Nachrichtentons, bewegt zum schwitzigen Dancehall Riddim, den es auch evoziert. Vielleicht ragt diese Silbe tatsächlich in eine neue Verschränkung von Körpern, Medien und Schreiben hinein – vielleicht bietet sie nicht trotz, sondern genau in der Schwierigkeit der Taktung subtil andere Möglichkeiten. Aber wirklich nur vielleicht.

Sexting steht in Season 1 für eine zeitgenössische Konstellation: Schreiben, wie Medientheoretiker John Durham Peters in seinem Buch The Marvelous Clouds nahelegt, war nie so paradigmatischer Modus gewöhnlicher Kommunikation wie jetzt. Und Schreiben wird von Peters anhand seiner Offbeats markiert: Verräumlichung zwischen Buchstaben, räumliche und zeitliche Distanz zwischen Schreiben, Lesen, Schreiben – die Form, durch die sie sich durchdringen. Offbeats, die Multiversen serieller Variation ermöglichen – die Sekunde zum Beispiel, in der ich meine Antwort schleife – Peters vergleicht Schreiben mit Quantum Computing. Von diesem Abstand her gedacht ist für ihn so auch nicht-verbale Online-Kommunikation zuallererst eine Form des Schreibens. Das Problem der Taktung beim Sexting wäre dann nicht die Schwierigkeit, einen neuen Trend einzuüben, sondern informiert von den Synkopen des Schreibens, die es in ein neues Tempo bringt: Auf der einen Seite folgt eine Geste beim Sexting nicht so unmittelbar auf die andere wie in der Improvisation taktiler Berührung – auf der anderen Seite stehen die Sexts in ihren Chatfenstern lange nicht so alleine da wie frühere Formen textueller Kommunikation. Die dritte Seite würde ich Sexting nennen, mittleres Tempo,. Und manchmal kommt mir diese dritte Seite vor wie mehr vom gleichen, aber dann wieder ploppt sie mit Horror-SFX auf und whoa.

 

 

 

Schreiben war, wie Durham Peters auch nachzeichnet, immer schon eine verkörperte Technik, aber vielleicht wird es, nicht zuletzt durch diesen Tempowechsel, so sehr in unsere Bewegungen eingeschrieben, so bewegt in unseren PDFs, dass wir es, nur für einen Moment, als Sexting betrachten können. Guck, wie Smartphone-Kameras es ermöglichen, diesseits und jenseits der Metapher mit meinem Körper zu schreiben, wie Messenger Apps mich die Vibration einer eingehenden Nachricht in der Tasche meiner Shorts spüren lassen, wie ich mit affirmativem Datenvolumen mit dir (und dir und dir) so paranoid wie sorgenvoll mitfühle. Nur zum Beispiel und keine Angst, erstmal vorläufig nur hier, wo ich mit dem lächerlichen Sportwagen durch die Serie fahren darf, den mir das Genre kunst-orientierter Anfänger-Essayismus freigeschaltet hat oh das war schnell: Sexting könnte dann, dort, nicht nur auf sexuell explizite Szenen von Kommunikation verweisen, sondern eine Infrastruktur bieten, um die Stellen zu beschreiben, an denen Körper, Medien, Schreiben in ihrer zeitgenössischen Verschränkung deutlich werden. Eine Verschränkung, die den Souveränitätsfantasien, mit denen all diese Formen Körper, Medien, Schreiben operieren, in die Quere kommen könnte (könnte!).

Was, zum Beispiel, wenn all die Frauen, die in ihrer vollen Abwesenheit von Liebesbriefen Großer Autoren idealisiert worden sind, innerhalb von Sekunden antworten könnten? Was, wenn die andere Ausgesprochenheit, die Feminismus mit Yes Means Yes für Sex fordert, nicht das Ende der Verführung bedeutet – sondern einfach ein Weiterschreiben, als Realismus, der die konstitutiven Taktungsschwierigkeiten verkörperter Kommunikation ernstnimmt? Chris Kraus schreibt in I Love Dick: Every Letter is a Love Letter. In einer Annäherung an Kathy Ackers und McKenzie Warks Online-Korrespondenz in I’m very into you schreibt Ruby Brunton im Real Life Mag: E-Mail is best for crushes. Texting könnte für Sexting sein. Catchphrase, Staffelfinale und Feuerwerk.

Alle sind aufgedreht und angestrengt. Es gibt dann diese Weihnachtsfolge, in der versucht wird, den Abstand zwischen den Staffeln zu überbrücken, indem der Abstand eigentlich immer nur wiederholt wird. I’m at work right now and your ear lobe is nowhere near my gums, but I like that thought of your gums not even close to my kidney. This is me in public, guess what I’m wearing, as your back turns away from knee. Your toenail distances itself from my lips, your gums leaves my forearm. My ear moves further from my neck. My eyelid not touching my face. Your teeth not touching my face. Irgendwie so, wo bist du gerade und was hast du an?

Und dann ist da Season 2, das ist hier. Der grundsätzliche Handlungsbogen von Season 1 – mit einem Sportwagen Sexting als Begriff nur etablieren, als Idee für eine Infrastruktur – zieht nicht mehr so. Die Neuheit einer Welt zu behaupten, von der Sexting ein Teil ist – dieses Plot Device wird in der zweiten Staffel zur Mikropolitik gewöhnlichen World-building in einer gewöhnlichen Welt – die nicht nur da ist, sondern auch gelebt wird. Eine Serie, habe ich beim Deleuze-Lesen und HBO-Gucken gelernt, beginnt erst wirklich als Serie zu funktionieren, wenn sie sich von ihrem Anfang löst und trotzdem weitergeht – wie das Kino, als es unterbrochen wurde von der Innovation des Schnitts – oder wie die Serie The Leftovers, als sie in die zweite Staffel ging. So gesehen erreicht Sexting, Season 2 mit mittleren Tempo eine Mitte, par le milieu. Die Folge, in der die Taktung vielleicht am offensten ist, weil sie nicht mehr starten muss und noch nicht aufhören kann. Und deshalb nerve ich so rum mit diesem Serienmetapher-Manierismus – weil ich wirklich denke, dass sich so Offenheit im Dazwischen-Sein von Mitten lokalisieren lassen könnte. Das Problem ist dabei nur immer, dass diese Mitt-Welten – wie z.B. von Sexting, Season 2 – kein Zentrum sind und ohne Lage- oder Zeitplan kommen. Season 2 ist vielleicht nicht einmal offiziell bestätigt.

Also wende ich mich Plots und Plot Holes zu, die für mich und für jetzt ein bisschen weiter vorn in der Mitte liegen und längst schon Block für Block das World-Building schichten, das ich hier Sexting, Season 2 nenne, nicht mehr als Fan Fiction einer neuen Perspektive der Dinge, um die sie sich sammelt. Dinge, die nicht bei der Verschränkung von Körpern und Medien und Körper-Medien aufhören, beim Hin und Her des Schreibens dazwischen – diese komplexe Atmosphäre ist eher, womit sie sich von vornherein synchronisieren. Die Pseudo-Wissenschaft dieses Essays, wie die Serie, von der er Teil ist, zoomt dabei eher auf Folgen künstlerischer Praxis, weil das hier die Umgebung ist, aber es sind anderswo wann anders klarerweise weitere zu beschreiben.

All diese Episoden entstehen vor sehr verschiedenen Hintergründen, durch die Wurmlöcher ihrer spezifischen Mitten. Es gibt zum Beispiel den Handlungsbogen Schreiben, in dem Theorien und Gedichte diese Serie navigieren. Wo es dort beginnt, eher zeitgenössisches Schreiben als Literatur, von dem ich hier Fan bin, spricht es weder zu einem Panel vermeintlich öffentlicher Debattenkultur noch überidentifiziert es sich mit seiner eigenen Form – es horcht Sprache in ihrem alltäglichen Gebrauch als Kulturtechnik aus, außerhalb repräsentativer Semiotik, in verkörpernder, vermittelnder Relationalität. Es gibt den Handlungsbogen Körper, dessen Tanz und Performance Synchronisierungen über Hautkonturen hinaus nachzeichnet, als wäre es nichts und nichts Neues. Bewegungen, nicht so sehr im Flow mit ihren körperlichen Zusammenhängen, sondern mit ihrem Nicht-Zusammenhängen, dem, was ver- oder entkörpert, aber nie persönlich, identisch, wird. Es gibt den Handlungsbogen Medien, in dem die alten Versprechen des Internets innerhalb der repressiven Authentifizierungsprozesse von Social Media verfolgt werden. In dem nichtsdestotrotz Experimentieren auf der gespannten Oberfläche stattfindet, auch wenn – gerade weil – es sich nicht so spektulär, originell oder kreativ anfühlt wie in den 90er Jahren vor der Personalisierung des Internets.

Was, innerhalb wie außerhalb dieses Shippings extrem albern rüberkommt, wie random zusammengeworfene Genre-Spezifizitäten, sind für mich neue Ansätze, die Dynamik zeitgenössischer Zusammenhänge zu praktizieren – etwas, was Lauren Berlant und John Durham Peters ein bisschen zögerlich Infrastrukturalismus nennen. Eine performative Restrukturierung von Struktur, aber genau nicht nur performativ: Wo diese Folgen sich so sehr auch um die Mikro- und Makroebenen kümmern, die gut sichtbar im Infra von Infrastruktur versteckt bleiben, zu klein oder zu groß, um im näheren Sinn performt zu werden. Der Geste der Sichtbarmachung, die antinormative künstlerische Praxis so dominiert hat und deren Wichtigkeit nicht zu unterschätzen ist, fügen sie ein Summen zu, ein Summen mit dem impliziten Hintergrundgeräusch von Körper, Medien und Schreiben, das Normativität auf Lautlos gestellt hat.

– Lauren Berlant: „Starved”, in: ​South Atlantic Quarterly​, Vol.106, No.3, Durham 2007, S.433-444.
– John Durham Peters: The Marvelous Cloud​s​, ​Chicago University Press: Chicago / London 2015.

Max Wallenhorst, *1993, studiert am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft. Er arbeitet an Auto-Essays und schwacher Performance. Für Warehouse setzt er die Serie Sexting, Season 2 zusammen, für die dieser Text eine Einführung und Fan Fiction zu bieten versucht.