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Repertoires Animés

von ARG - Alexander Schellow, Anton Henne, Jules Urban, Myriam Raccah, Nicolas Wouters, Olivia Molnar, Xavier Gorgol

ARG (animation research group) hat sich nach einem Workshop Alexander Schellows in Zusammenarbeit mit der Philosophin Catherine Perret 2014 im Rahmen der künstlerischen Hochschule erg (école de recherche graphique) in Brüssel konstituiert. Die international zusammengesetzte Gruppe umfasst Mitglieder unterschiedlicher Praxen und arbeitet in Partnerschaft mit verschiedenen Institutionen vor allem in Belgien und Frankreich (erg Brüssel, MUNDANEUM Mons, A/R, UCL GIRCAM Louvain la Neuve, Khiasma Paris) an der Entwicklung und Implementierung von Methoden und Protokollen rund um ein Konzept von „expanded animation“, i.e. an einer Relektüre des Bezugsfeldes von „Animation“ primär nicht als einem vordefinierten Feld technischer Operationen, sondern als einem performativen Wahrnehmungs- und Bildproduktions-Modus. Basis ist eine kollektive Recherchepraxis, deren Spur sich in Workshop-Formaten ebenso wie in der gemeinsamen Entwicklung von Arbeiten und theoretischen Texten manifestiert. Seit einiger Zeit richtet sich ihr Interesse verstärkt auf die Konstruktion von “Dokumenten” als möglicher Ort der Konkretisierung spezifischer Praxen. Dieses Interesse erlaubt mit Werkzeugen und Methoden zu experimentieren, die als Dokument gerahmte Einschreibungen von Wissen aus ihrem Status als “gelagerte Materialen” herauslösen, indem sie in ein performatives Spiel zwischen Bild- und Gedächtnisarbeit überführt werden. Die Scores dieser “Spiele” werden getestet, ausagiert, transkribiert, gesammelt und open-source publiziert.1 Die Mitglieder von ARG sind Alexander Schellow, Anton Henne, Jules Urban, Myriam Raccah, Nicolas Wouters, Olivia Molnar und Xavier Gorgol.


Fußnoten

  1. Im Fall des Projektes „Repertoires Animés“ findet diese Publikation neben Konferenzen, Workshops und Installationen vor allem im Rahmen einer zweijährigen Online-Residenz auf der web-Plattform Oralsite ( http://oralsite.be/pages/Index), eines Projektes von SARMA – Laboratory for discursive practices and expanded publication (http://sarma.be/pages/Index), statt.

  2. OTLET, Paul. Traité de documentation : le livre sur le livre : Théorie et pratique. Brussels, Mundaneum edition, 1934.

  3. Vgl. u.a. HARTMANN, Frank (Hrg.): Vom Buch zur Datenbank – Paul Otlets Utopie der Wissensvisualisierung, Avinus Verlag, Hamburg 2012[]/footnote, wiedereingeschrieben in die Geschichte des Denkens als ein Vorläufer des Internets, namentlich unter dem Titel eines „Google ante litteram“. [footnote]Eine Lesart die durch Google selbst inhaltlich und durch konkrete Investitionen in das „Erbe Otlets“ durchaus aktiv vorangetrieben wurde.

  4. Der zeitliche Kontext eines wissenschaftlichen Positivismus und einer tendenziell Europa- und USA- zentrierten Weltvorstellung, die beispielsweise große Teile Zentral-Afrika’s und damit u.a. auch nicht primär schriftbasierter Wissenskulturen ausschloss, muss hier allerdings in Betracht gezogen werden.

  5. In Jürgen E. Müller: Intermediality: A New Interdisciplinary Approach: Theoretical and Practical Perspectives as an Example of the Vision of Television, in Cinemas: review of cinematographic studies / Cinemas: Journal of Film Studies, vol. 10, No. 2-3, 2000, p. 109. [Provisorische Übersetzung durch die Autoren.]

  6. Wir beziehen uns hier auf eine Hypothese von Bolter und Grusin, dass es keine neuen Medien gibt, da ein „neues Medium“ immer darauf ausgerichtet ist präexistierende Medien zu reformulieren bzw. zu restrukturieren. GRUSIN, Richard and BOLTER, Jay David: Remediation: Understanding new media. Cambridge, MA, 2000. [Provisorische Übersetzung durch die Autoren.]

  7. MANCHEV, Boyan: Alteration. Über (den) Noise (des) Tanz(es), In: Helmut Ploebst, Nicole Haitzinger: Versehen. Tanz in allen Medien. München: epodium 2011. S. 92-108

  8. Zu diesem Punkt vgl. : RICEUR, Paul. Temps et récit, vol. 3. Paris. Editions du Seuil, 1978. [Übersetzung durch die Autoren.]

  9. BESSON, Rémy. Man on bridge : une forme qui échappe aux catégories, « Entrelacs » (online) 12/2016, Link zuletzt kontrolliert: 17. Mai 2016. URL: http://entrelacs.revues.org/1878. [Übersetzung durch die Autoren.]

  10. Vgl. zur Diskussion um die Begriffe Archiv und Repertoire u.a. die Auseinandersetzung zwischen Diane Taylor (TAYLOR, Diane: THE ARCHIVE AND THE REPERTOIRE – performing Cultural Memory in the Americas, Duke University Press, Durham /London, 2003) und Rebecca Schneider (SCHNEIDER, Rebecca: Performing Remains – Art and war in times of the theatrical reenactment, Routledge, London/New York 2011).

  11. PERRET, Catherine und SCHELLOW, Alexander: ELLE/SIE, in Les artistes font des histoires (Hrg: Catherine Perret / Jean-Philippe Antoine), Le Genre Humain, éditions du Seuil Paris, 2015. [Provisorische Übersetzung durch die Autoren.].

« …une représentation du Monde et de ce qu’il contient, Miroir et Somme, un moyen de faire connaître les Peuples les uns aux autres et de les amener à collaborer »2

In den letzten Jahren wurde Paul Otlets (1868-1944) visionäres Projekt das Mundaneum, und seine spekulativen Entwürfe von Wissensarchitekturen „jenseits einer Gutenberg-Galaxis“3
Wir sehen einen Bibliothekar, der den Traum eines universellen, der Wissensverbreitung und sozialen Verknüpfung verschriebenen Dokumentations-(De)Zentrums träumte, dessen ständig wachsendes und flexibles Netzwerk zugänglich sein sollte jenseits eines intellektuellen, technologischen, ökonomischen oder sozialen Elitismus4 – ein Netzwerk, das immer in einem „Zustand“ des Entstehens und der Transformation begriffen sein würde, heterogene Quellen überbrückend. Kurz: die relationele Struktur sollte ein konkretes mechanisches und kollektives Gehirn konstituieren.
Diese Vision scheint allerdings Möglichkeiten zu eröffnen und zu behaupten, die wesentlich weitgehender und vielversprechender erscheinen als die simple Präfiguration einer Suchmaschine und ihrer virtuellen Monopolstellung im Rahmen des heutigen Internets.
Das Internet ist konstruiert entlang hegemonialer politischer, ökonomischer und logistischer Entscheidungen, die die alltäglichen Erfahrungen, die wir mit ihm und durch es ausagieren, entscheidend (mit)prägen: der Zugang zu bestimmtem und priorisiertem Wissen schreibt sich in Hierarchien, Ökonomien und Wertesysteme ein; persönliche Daten werden zu unterschiedlichen Zwecken und mit unterschiedlichen Zielsetzungen angeeignet; es wird zensiert in allen erdenklichen Formen, beispielsweise in der Vorformatierung eines Informationsaustausches durch Social Media Platformen; die Fiktion einer „funktionalistischen Neutralität“ von Suchmaschinen und Links wird suggeriert.

Wir möchten die Projektionen Otlets aufnehmen und uns erneut seinen vergangen-zukünftigen Denkbewegungen zuwenden. Unsere Mittel sind dabei nicht primär analytisch-theoretisch, stattdessen möchten wir uns dem Material spekulativ über performativ-künstlerische Methoden nähern. Eine intermediale Perspektive – hier durchaus in Abgrenzung zum Begriff des Transmedialen-, beschrieben von Rémy Besson 5 als „ein Prozess von Bedeutungsproduktion verbunden mit Medien-Interaktionen“, ermöglicht uns dabei erstens eine synchrone Sichtweise auf Konstellationen heterogener Quellen und Materialien (ihr Co-Präsens innerhalb einer technologischen Rahmung).. Sie erlaubt uns zweitens einen diachronen Zugriff, im Sinne der Einschreibung unterschiedlicher technologischer Rahmungen in eine Materialkonstellation über einen zeitlichen Verlauf hinweg – dies vor dem Hintergrund des Versuches, einen medialen Transfer auch bezogen auf die Transformation der technischen Mittel zu reflektieren, indem Rekonfirgurationen und Reaktionen „vergangener“ Formen immer an jeder denkbaren Re-Medialisierung teilhaben.6

Der hier genutzte Technologiebegriff, in seiner Ableitung vom Griechischen techné = ‚Kunst, Fertigkeit, Handwerk‘ und logia = ‚Wort, Lehre, Studien‘, adressiert in seiner grundsätzlichsten Bedeutung eine Ansammlung von Prozessen, Werkzeugen, Methoden und Fertigkeiten, die entwickelt und systematisiert worden sind, um die Realisierung eines spezifischen Objektes zu ermöglichen. Dieses Objekt kann ein Ding oder ein nicht-materieller Effekt sein– wie etwa das Wissen, das in einem wissenschaftlichen Experiment oder in einer philosophischen Reflexion produziert wird. Wie der Philosoph Boyan Manchev formuliert hat, erlaubt das griechische Konzept der techné, verstanden als Prozess einer Des/Organisation, ein wesentlich komplexeres und herausfordernderes Verständnis von ‚Technik‘ als das seiner umgangssprachlichen Bedeutung.7

Die intermedialen Strategien einer Untersuchung der gegenseitigen Einschreibung von Materialien und Technologien ihrer Medialisierung, die wir im Rahmen des Forschungsprojektes „Repertoires Animés“ zum Mundaneum performativ in Praxis setzen, wollen nicht zuletzt den Raum zwischen dem spekulativen Ansatz Otlets und heute zeitgenössischen Formen von Wissensorganisation im Internet erfahrbar rendern und vermessen.
Dabei ergeben sich für uns Fragen wie: Können wir uns, in einer Verlängerung von Otlets Denken (und in Anerkennung der Tatsache, dass bestimmte Idealismen und Positivismen seiner Position aus heutiger Sicht weder haltbar noch wünschenswert erscheinen) und durch einen kritischen und politischen Gebrauch der uns zur Verfügung stehenden Werkzeuge, neue Wege des Empfangens und Teilens von Information – und allgemeiner: Materialien – über das Internet vorstellen? Was wären Plattformen, auf denen jede Userin nicht nur in das Zur-Verfügung-Stellen von Inhalt bzw. den durch die spezifische Art und Weise der eigenen Nutzung informierten inneren funktionalen Rahmen „eingreifen“, sondern die je eigenen Formen des Zugangs sowie der Produktion und Transformation von Wissen (mit)gestalten könnte? Inwieweit wird dieser Anspruch von bestehenden Plattformen wie Wikipedia oder Suchmaschinen wie Google bereits er- und ausgefüllt, und inwieweit nicht? Oder: was hieße in diesem spezifischen Sinne „open source“? Wie könnten die Verbindungen unterschiedlicher Subjekte gedacht werden als prinzipiell relational, evolutionär, organisch, in jedem Punkt zu jeder Zeit hinterfragbar, transgressiv und transformativ (d.h. nicht im Sinne einer statischen wie auch immer veränderbaren Topographie) – eben im Sinne von Otlets „kollektivem Gehirn“? Würde eine derartige Utopie (?) Relationen zwischen Subjekten implizieren, die nicht ausschließlich auf eine Logik des Typs Signifikant-Signifikat reagieren, sondern die sich auf unterschiedliche Arten und in heterogenen Schichten verweben und permanent rekonfigurieren müssten, im Sinne der Schaffung des Katalysators und der Basis einer kollektiven poetischen Maschine der Wissensorganisation?

Unsere Recherche-Praxis entlang dieser Fragen erlaubt uns bestimmte Ansätze einer Untersuchung von „Repertoires“ (als Elementen einer Formulierung von Materialien) exemplarisch weiter zu entwickeln.
Eine deduktive Auseinandersetzung mit dem Recherchegegenstand, sozusagen top-down ausgehend von einer Bearbeitung bzw. (Re)Definition von Konzepten des „Archivs“ selbst, steht dabei für uns weniger im Vordergrund. Das ist einerseits eine methodische Entscheidung. Andererseits fühlen wir uns hierzu schlicht nicht in der Lage, angesichts einer zunehmenden Verkomplizierung (insbesondere wenn es um Fragen von „Archiv“ und Machtkonstellationen geht) bzw. auch Aufweichung dessen, was unter „Archiv“ potentiell gefasst und wie die unterschiedlich verstandenen Konzepte kategorisiert werden könnten. 8 Noch einmal Remy Besson: „[Wir befinden uns] in einem zeitgenössischen Kontext der Fragmentierung in mediale Praxen, wo die Definition des Archivs und der Kodifikation des archivarischen Aktes schwer zu identifizieren sind.“ 9
Es ist dies ein wesentlicher Grund, aus dem wir alternierend Begriffsfelder um Sammlung und Repertoire 10 für den Rechercheprozess bevorzugen – sie scheinen uns eher einer Konzeption der performativen Aktivierung von Dokumenten im Sinne Otlets zu entsprechen.

AUSGANGSPUNKT

« In Umgehung der Frage nach einer ästhetischen Wirkung, ebenso wie der der Erzählung/Geschichte, nimmt die Animation die Krise der Repräsentation der Welt als „Welt“ durch eine Strategie der Enthaltung in den Blick. Sie interpretiert nicht – weder in Bezug auf die Relativität des Blickpunktes noch in Bezug auf die notwendige Multiplikation der Perspektiven. Indem sie die Privilegien der Interpretation verweigert, verweigert sie sich zugleich der möglichen Folgerung einer Subjektivierung dieses Phänomens der Zersplitterung. Sie setzt sich im Gegenteil der Objektivierung aus, ohne zunächst einen Ausweg zu suchen. Die Zersetzung der „Welt“ bedeutet nicht ihr Verschwinden. Sie zeigt vielmehr ihre unaufhörliche Neuzusammensetzung, hier und jetzt. Sie markiert eine Strategie, sich von Regeln der Wiederholung, Gewohnheit und der Mustererkennung – eben DURCH diese hindurch – zu emanzipieren. » 11

Der unserer Recherche zugrundeliegende Animationsbegriff konstituiert sich primär über ein Feld von Praxen und Wahrnehmungswerkzeugen, die sich transversal zu definierten Techniken, Medien oder Genres entfalten. Versucht wird eine Annäherung jenseits einer generischen Definition von animiertem Film (beispielsweise der, unbelebten Objekten mimetisch „Leben zu verleihen“; oder der einer Arbeit am Bild-für-Bild, dem Grenzbereich zwischen Stillstand und Bewegung). Um Catherine Perret zu zitieren: „While often (ab)using the filmic form, animation rejects the cinematographic grammar that the film makes “a” film. It is the hypothesis of a correlation in which the heterogeneity of the layers which constitute the filmic material can sediment and realize a story without consenting to narrative structure.“

Fragen, die sich aus dieser Grundvoraussetzung ergeben, sind etwa folgende: Wie kann eine Bewegung ausgelöst durch Bilder (re)konstruiert werden ohne eine Bewegung der einzelnen Bilder zu behaupten? (Wie) ist es möglich Bewegung zwischen Bildern erfahrbar zu machen, ohne die Bilder als solche in Bewegung zu setzen?
Die so motivierte Forschung ist strukturiert entlang unterschiedlicher Achsen der Arbeit: die Dekonstruktion des Trägermediums als strukturelle Fiktion; die Entwicklung von Protokollen der Dezentralisierung und Diskontinuität, in der Produktion wie der Rezeption eines Materials; Die Organisation einer Unterbrechung; die Behauptung des “Fehlers” einer Geste als Methode, um einen fiktionalen Raum zu realisieren, beispielsweise im Rahmen der (Re)konstruktion einer Gedächnisstruktur; Das Beharren auf einer definierten Indefinition in der prinzipiellen Heterogeneität des Materiales, die einer Homogenisierung strategisch entgegensteht.

Dank an Myriam van Imschoot, die diesen Beitrag ermöglichte.