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Über die Boxen an den Rändern

Von Cornelius Heimstädt,  Bilder von Naoki Matsuyama,  übersetzt von Pierre Schwarzer
Bild von Naoki Matsuyama

Eines Tages cruisde ich durch meine Hood, den neuesten Track von Dr. Steelbutt Venus (momentan chronisch an mangelnden YouTube-Views leidend) durch meine Boxen knallend. Ich war völlig in der beeindruckenden Rhetorik des Doktors und seinem Flow verloren – weich wie Butter, als ich plötzlich so ein Paar Lappen sah, die so rote Plastikboxen anstarrten, als wären sie der neueste Designdurchbruch. Mit schwitzenden Gesichtern sprangen sie von einem Bein aufs andere und schrien “Bauhaus-Shit! Bauhaus-Shit!”. “Ab in die Kirche mit euch!” schrie ich aus dem Fenster meines Lowriders, aber sie checkten meine “dirty south” Referenz natürlich nicht und fingen an zu flennen. Diese verstörende Begegnung brachte mich zum Nachdenken. Wieso finden Leute auf einmal langweilige Boxen so spannend? Nach 666 schlaflosen Nächten, hab ich alle meine sozialen Kontakte abgekappt, meinen treuen Lowrider vertickt, um in Babylons heilige Kulture des Auspackens von Verpackungen, des Unboxings von Boxen, einzutauchen. [weiterlesen]


Fußnoten

  1. Pias, C. (05.05.1999). Wer sein Leben im Griff hat, kann einpacken: Der Umzugskarton als Medium der Selbstinventur. Frankfurter Allgemeine Zeitung

  2. Klose, A., & Marcrum, C. (2015). The Container Principle: how a box changes the way we think. Cambridge: MIT Press.

  3. Klose, A., & Marcrum, C. (2015). The Container Principle: how a box changes the way we think. P.152. Cambridge: MIT Press.

  4. Timmermans, S., & Epstein, S. (2010). A world of standards but not a standard world: toward a sociology of standards and standardization. Annual review of Sociology, 36, 69-89.

  5. Timmermans, S., & Epstein, S. (2010). A world of standards but not a standard world: toward a sociology of standards and standardization. Annual review of Sociology, 36, 69.

  6. Barthes, R. (1972). Mythologies (A. Lavers, Trans.) New York: Hill and Wang. (Original work published 1957)

  7. Akrich, M. (1992). The De-Scription of Technical Objects. In W. E. Bijker, & J. Law (Eds.), Shaping technology/building society: Studies in sociotechnical change (pp. 205-224). Cambridge: MIT Press.

  8. Porter, T. M. (1996). Trust in numbers: The pursuit of objectivity in science and public life. Princeton: Princeton University Press.

  9. Porter, T. M. (1996). Trust in numbers: The pursuit of objectivity in science and public life. Princeton: Princeton University Press. P.xi

  10. Michael, M. (2013) Process and plasticity: Printing, prototyping, and the prospects of plastic. In J. Gabrys, G. Hawkins, & M. Michael (Eds.), Accumulation: The material politics of plastic (pp. 30-47). London: Routledge

  11. Mol, A. (2002). The body multiple: Ontology in medical practice. Durham: Duke University Press.P.7

  12. (p.100)

Bild von Naoki Matsuyama

“In der Umzugsbox scheint das Transitorische zu sich selbst gekommen zu sein und das Ende der Geschichte erreicht zu haben”. 1

Ich weiß immer noch nicht wirklich was Claus Pias mit dieser schönen Beschreibung des Umzugskartons genau meint, aber ich ritzte es in meinen Unterarm, als so ein Mantra, das mich durch diese unvorhersehbare Reise begleiten soll. Ehrlich gesagt bin ich auf das Zitat bei Klose und Marcrums Studie über Schiffscontainer gestoßen. 2 Genau wie Pias verstehen die Autoren den Schiffscontainer als Denkform und Ordnung, die weiter als ihr materieller “Korpus” reicht. Die große Stahlbox bildet einen soziotechnischen Hybriden, der menschliche und nichtmenschliche Bewegungsfähigkeiten über Zeit und Raum hinweg in sich sammelt. In Boxen jedweder Art werden “alle Geschichten mit jeder Ladung neu organisiert. Was in ihnen landet hängt vom Zufall ab, organisationeller und logistischer Kompetenz des Packers und, zu guter Letzt, des standardisierten Volumens und der Kapazität der Box selbst.” 3

Schaut man genauer auf die Box, die Anlass dieser Reise war, generell als “Euro Stacking Container,”, “Euro Container”, “Euro Container perforiert” in technischerem Jargon, entpuppt sich nicht nur dessen Volumen, sondern auch dessen Material, Gewicht, oder seine Perforation als komplexes Zusammenspiel aus heterogenen und sich überlappenden Standards. Ist Timmermanns und Epsteins Beschreibung von Standards 4 als die “Welt über Kulturen, Zeit und Geographie hinweg standardisierend” 5, korrekt, wo liegt dann die Verbindung zwischen den Lappen, die Boxen anstarren, und, sagen wir, unbezahlten Gastarbeitern in albanischen Gewächshäusern? Oder zwischen den Lappen und einer monotonen Tagesschicht bei “Harry Brot”?

Um wieder klar zu kommen, wollte ich in einen der Geburtsorte der Boxen besichtigen. Doch die heiligen Hallen der Polypropylen-Injektionsformung blieben mir verweht – eine der größten Fragen der Menschheit bleibt unbeantwortet. In seinen Schriften über eine Ausstellung von Plastikobjekten 1957 in Paris hat Roland Barthes bereits prophetisch die quasi-mythologische Auflösung der Ursprünge von Plastik beschrieben. Wie ich, erlebte er die Geburt von Plastikartefakten als dem wissenden Subjekt entfliehende “an einem Ende rohe, urstromhafte Materie, am Anderen, das fertige menschliche Objekt; und zwischen diesen Extremen, nichts; nichts als Transit”6. In diesem Sinne scheint es, als ob Boxen als vollfunktionale Objekte aus dem Nichts auftauchen, bereit die unstandardisierte Wildnis, von der wir wagen sie Realität zu nennen, zu erleuchten. Wenn es sowas wie Pornographie von Standards gäbe, würde das “technologische Skript” 7 der Box, idyllische feuchte Träume auslösen, Eigenschaften wie “hygienische Fehlerlosigkeit”, “Stapelbarkeit”, “Eignung für Geschirrspülgeräte”, “DIN 55423-Zertifizierung” oder “Erfüllung automatisierter Logistiken” in zeitlose Materie faltend.

Als mein Begehren die Geburt der Box zu beobachten in unterschwellige erotische Erfahrung verwandelt wurde, entschied ich mich, meine Reise im erhofften Lustgarten standardisierter Nahrungsdistribution fortzusetzen – einem Berliner Frucht- und Gemüsegroßhandel. Ähnlich wie Sven Markquardt, erwacht der Großhandel eine Stunde nach Mitternacht. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, baute ich mir einen Tarnanzug aus Boxen. Von meinem strategischen Versteck in einer Trauerweide neben den Hallen sprang ich auf einen Gabelstapler auf, der gerade vorbeifuhr. Der ahnungslose Gabelstapler brachte mich durch die barrierefreien Felsenwände des Lagers, wie ein Gondoliere in den Kanälen Venedigs. Exotische Früchte aus fernen Ländern in Pappkartons mit bunten Slogans, gestapelt bis zur Decke. Spargel aus Beelitz in entsorgbaren Polyethylenbehältern, bis zum Horizont verteilt. Exquisite Pilze, ausgewählte Kräuter, sorgfältig in summenden Kühlungseinheiten verstaut. Süße, wundersüße Erdbeeren in synthetischen Schalen, die unmittelbar nach Leerung weggeschmissen werden müssen. Unzählige ewigwährende Interfaces mit kurzlebig-vergänglichen Genüssen. Mein Begehren, den geliebten Eurocontainer im Feld zu beobachten, wurde allerdings enttäuscht. Seine Stärke, die Beständigkeit seiner standardisierten Außenmaße, erweist sich als Schwäche am Ort semi-automatisierter Logistik. Seine Aufforderung zur Nicht-Entsorgbarkeit macht ihn in dieser besonderen Welt beschleunigter Flüsse ironischerweise überflüssig.

Voller Trauer kehrte ich nach Wien zurück, um einen bittersüßen Apérol Spritz in sanfter Abendsonne am Yppenplatz, zu genießen. Mit Tränen in den Augen schlief ich ein. Am nächsten Morgen weckten mich die emsigen Laute des Brunnenmarkts – einem Tagesmarkt neben meiner Unterkunft. Forscher müssen essen, also bestellte ich einen Café International Toast (C.I. Toast), bestehend aus Toast, Schinken, Spinat, Feta und frittiertem Ei. Das Toast kam an. Dann blieb es mir im Halse stecken. Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Es war, als sei ich endlich an einem Ort angekommen, wo Boxen und Menschen den post-quantifizierbaren Traum der Standardisierung ausleben. Ganze Marktstände aus umgedrehten und gestapelten Boxen. Zwei vertikal positionierte Boxen, sich gegenüberstehend als Träger eines Holzbretts – ein perfekt angeordneter Tisch. Lachende Kinder, in Boxen sitzend, die als low-rider reinterpretiert werden. Boxen, die so aussehen, als würden sie sanft ihr Gemüse den Passanten entgegenstrecken, aber stattdessen gefüllt sind mit unnützem hi-fi-müll. Und, man glaubt es kaum, ich erblickte sogar einen hübschen, bald an der Columbia-University studierenden jungen Mann, mit dunklen Locken und runder Designerbrille, leidenschaftlich eine der Boxen küssend (ich editiere momentan das Video für einen Major Release auf YouTube).

Bild von Naoki Matsuyama

Cornelius Heimstädt geboren in Düsseldorf, Deutschland. Studierte ökologische Landwirtschaft in Eberswalde bei Berlin. Derzeit Masterstudent am Institut für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Wien. Er ist Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung und arbeitet als Autor und Musiker.
Naoki Matsuyama geboren in Rieti, Italien. Studierte Architektur und Bildungsphilosophie an der University of Cambridge und ist derzeit Masterstudent am Department für Wissenschafts- und Technikforschung der Universität Wien. Arbeitet als Editor, Übersetzer und Schriftsteller.

Wie Theodore Porter 8es formuliert, ist implizite Quantifizierung in Statistiken und Standards eine “Technologie der Distanz”, die “das Bedürfnis nach intimen Wissen und persönlichem Vertrauen minimiert” 9. Quantifizierung ist insofern dazu geeignet, sich selbst in professionellen Gruppen mit schwacher Autorität zu etablieren, Bürokraten beispielsweise, um auf soziale und politische Objektivitätsansprüche, insbesondere in Zeiten der Unsicherheit, zu antworten. Doch das Beobachten der Box am Brunnenmarkt lässt es so erscheinen, dass die diese standardsierte Stabilität von einer Welt implizierter Lösungen begleitet wird. Mike Michaels Studie über 3D-Druck 10 bestätigt diese Sicht. Insofern scheint es so, als ob der Mangel an Plastizität, der der Box anhaftet, begleitet wird von einer unterirdischen Plastizität, einer auftauchenden Notwendigkeit der Rekonfiguration. So gesehen berühren meine nicht-standardisierten Begegnungen auf entscheidende Weise die “ontologische Politik” des vermeintlich Banalen. Es gibt keine Kernrealität des Banalen oder Standardisierung, die den Praxen, in denen eine Box stets eingespannt ist, vorausgeht. Stattdessen werden verschiedene Realitäten der Box gefunden, affirmiert, verwirklicht oder zerstört durch ebendiese Praxis – verschiedene Welten der Relevanz eröffnend. “Wenn Realität multiple ist, ist sie auch politisch”, betont Annemarie Mol. 11. Auch wenn sie mit der Multiplizität der Atherosklerose beschäftigt ist, tritt eine ähnliche Frage bei Berücksichtigung der ontologischen Politik der Box auf: “die Frage nach den Politiken, an denen wir uns beteiligen sollen: Standardisierungen oder Politiken, die von der Unordnung, der sich nicht konformierenden Welt in der wir leben, überzeugt sind und versuchen bessere Umgangsmöglichkeiten zu finden”12. Anders gesagt spreche ich nicht über eine Politik des bewussten Demo-Besuchs. Ich spreche von jenen Realitäten, die trotz der Skripte, die ihre Existenz nichtig machen, zutage kommen. Die Oberfläche standardisierter Boxen erscheint flach, uniform, tot oder objektiv. Doch an deren Grenzen, entstehen Reibungswelten, Hybridität, Leben und Subjektivität. Endlich ergeben Pias’ Worte Sinn. Tatsächlich scheint das Transitorische im Umzugskarton zu sich selbst gekommen zu sein. Doch es ist kein Ende der Geschichte in Sicht. Im Fall der blöden roten Box ist es Schönheit. Die Schönheit prekärer Hybridität als fundamentaler Lebensbedingung.