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Anmerkungen zur Paranoia

by Pierre Schwarzer

Um acht Uhr, am Abend des 10. April 1931 zog die 38-jährige Marguerite Pantaine ein Küchenmesser aus ihrer Handtasche und versuchte die Schauspielerin Huguette Duflos bei ihrer Ankunft am Theater Saint Georges (Paris), zu erstechen.

Das intendierte Opfer sollte an diesem Abend die Hauptrolle in einem Stück namens “Tout va bien” (Alles ist gut) spielen. Das Stück, eine nicht sonderlich hochwertige Mittelschichtskomödie über eine sentimentale Frau, ihren armen, doch unbesorgten Liebhaber und einen reichen, aber langweiligen Financier, sollte dem Frankreich der 1930er zeigen, dass trotz Wirtschaftskrise und steigendem Rechtsextremismus alles zum Besten in der besten aller möglichen Welten sei.

Huguette Duflos, von ihrer Angreiferin am Hintereingag konfrontiert, ergriff gelassen die Klinge des Messers und schob es zur Seite, doch zertrennte dabei einige Nerven in ihrem kleinen Finger. Marguerite wurde übermannt und zur Polizei gebracht. Von dort schickte man sie in die Sonder-Station der Rettungsstelle und anschließend in das Frauengefängnis Saint-Lazare. Dort verfiel sie in einen wahnhaften Zustand, der knapp drei Wochen lang anhielt. Am 3. Juni 1931 wurde sie in die Anstalt Saint-Anne auf Empfehlung eines Arztes eingewiesen. Die Diagnose: “systematischer Verfolgungswahn basierend auf interpretativem Wahn, mit megalomanischen Tendenzen und einem Substrat von Erotomanie”. Dort, in Saint-Anne, traf sie auf einen jungen Psychiater, dessen erste Patientin sie dort werden sollte, Jacques Lacan. [read on]

Konstellationen...

Er war eine eher clownartige Kreatur, schillernd in seinem barocken Stil. Er hatte gerade damit begonnen Pink Freud zu hören, oder eher, die Schriften des alten Ziggy zu studieren. In seiner Doktorarbeit über paranoide Psychose wurde Marguerite Pantaine “der Fall Aimée”, auf den die ersten Theorieansätze geworfen wurden. Wie Lacan selbst, sehnte sich Marguerite nach Ruhm und intellektueller Anerkennung, verspeiste etliche Bücher – und doch war sie vom Wahn verfolgt, schrieb die Queen in England mit einer Bitte um Schutz an, wollte Schauspielerinnen, die sie für verantwortlich hielt, erstechen. Sie war jemand für den die Extravaganz des Wahns sich jahrelang unter ordinärer, familiärer Liebe verbarg.

Eine Psychoanalyse lehnte Marguerite ab, doch sie nahm etliche lange Sitzungen Gesprächstherapie, bevor man ihr erlaubte die Anstalt mit Medikamentenverordnungen zu verlassen. Sie lebte dann ein ruhiges Leben mit zwischenzeitlichen Rückfällen in den Wahn, wofür sie kurzzeitig wieder eingewiesen wurde. Als Aimée in Lacans Schriften wurde ihr Fall zu einem Konvolut verschiedener Theoriekonvergenzen von Freud, Spinoza und Heidegger, die Lacan unter den Kreisen der Surrealisten berühmt machten als ein erster Kombinationsversuch von anti-biologistischem Freudianismus mit Materialismus – in einer dynamischen Topologie der Psyche. Salvador Dalí empfing Lacan nach Lektüre der Arbeit mit einem provokativen Pflaster mitten auf der Nase, worauf Lacan zum großen Missfallen des schnurrbärtigen Künstlers nicht einging, so entnommen aus seinem Brief an André Breton. Doch die Arbeit wurde nie in größerer Auflage gedruckt – Lacan wollte dies nicht.

Zwanzig Jahre spatter begann der junge Arzt Didier Anzieu seine Lehranalyse bei Lacan. Im letzten Jahr seiner Ausbildung begab es sich, dass unter dem Einfluss von Dalí und Breton, die den Verlag überzeugt hatten, gegen Lacans Willen zu gehen, die Arbeit Lacans doch noch veröffentlicht.[read on]

Lacan unter dem Einfluss von Pink Freud und den Surrealisten

Didier Anzieu, der die frühen Schriften seines Mentors nicht auslassen wollte, entdeckte dort die Geschichte seiner Mutter, die ihn mit seinem Vater in früher Kindheit verlassen hatte, unter der Angst, dass sich die beschützende Paranoia der Mutterschaft mit ihrer eigenen vermischt. Weder Anzieu noch Lacan wussten von dieser unheimlichen Nähe, dieser unerträglichen Parallele. Es kam zum Bruch zwischen Anzieu und Lacan, die Lehranalyse wurde abgebrochen – und Anzieu mehrere Jahre später einer der kompetentesten Kritiker Lacans.

Es gibt Geschehnisse, deren Nähe zur Fiktion ein unangenehmes Gefühl der Verbundenheit ausdünstet. Über ebendieses soll es in diesem Text gehen, Verknüpfungen, Verbindungen, merkwürdige Menschen, die uns beobachten… Diskrete Einheiten in ihrer Paranoia, nervöse Netzwerke. Marxismus als Vektor des Unendlichen. Wir wollen über Paranoia und dessen Implikationen sprechen: alles hängt miteinander zusammen – und zugleich auch nichts. Bevor wir das Feld der Paranoia in unsere kuratorischen Überlegungen miteinbeziehen, soll hier ein Entwurf einer Theorie der Paranoia als konzeptueller Hintergrund dargelegt werden.

Was ist also Paranoia? Sie könnte das sein, was sich einschleicht, was in der Ferne lauert, das Verborgene im Offensichtlichen, die Angst, dass alles mit allem verbunden ist. Oder, umgekehrt, die Angst, dass nichts mit irgendetwas verbunden ist. So sagt man zumindest.

Das Thema bringt schwere Assoziationsgeschütze mit sich – vorgestellte Spektakel der Verstörung, Mathematiker mit dem Gefühl, dass sie vom Geheimdienst verfolgt werden (John Nash), Bildwelten aus dem kalten Krieg wie Ulrich Mühe mit seinen Stasi-Kopfhörern oder der Situation-Room in Dr. Strangelove, genau wie diese Abkürzungen, hinter denen sich doch bestimmt etwas böses versteckt. [read on]

Es ist sehr leicht eine Art Grundangst aus der Mitte der vermeintlichen Sicherheit des Alltags und seiner gemütlichen Routine herauf zu beschwören. Paranoia verlässt sich auf diese Polarität des Sichtbaren und Unsichtbaren, behauptet, dass das Unsichtbare alles Sichtbare kontrolliert, genau weil man es nicht sehen kann. (Es gibt eine Unsicherheit inmitten der Zirkularität des Alltags auf die sich Paranoia stützt.) Die unsichtbare Kraft, die vermeintlich alles verfolgt, kontrolliert oder lediglich aufnimmt, ist nicht Teil der täglichen Routine, so scheint es zumindest. Unsere Bereitschaft, uns selbst Angst zu machen, in spielerische Paranoien innerhalb unserer Kultur einzusteigen, die Leichtigkeit mit der unsere Gedanken in Richtung dessen gleiten, was uns vermeintlich zurückhält, ist die kleine Eskapade, die eine Rückkehr zum Alltag erlaubt. Ein wenig Furcht gegen einen Wunsch nach Flucht, leichte Ausgänge – alle nach Rom führend. Paranoia ist nicht das Fremde von Außen, sie ist das Fremde in uns als Reaktion auf ein angenommenes Außen, tief verwoben mit unserem Wissen.

Paranoia nimmt zwei Extremformen an: eine kosmische Annahme der Allverbundenheit oder, im Gegenteil, die Annahme, dass nichs verbunden ist, nichts von Bedeutung ist (was Nihilisten wiederum sehr viel bedeutet). Doch meist ist eine Spannung zwischen diesen Polen, etwas generisches, der Begleiter von Wissen. Von früh an erwerben wir wissen durch eine(n) Anderen, sind gebadet in Wörtern, die so lange zu uns sprechen, bis sie durch uns hindurch sprechen, oft bevor wir sie überhaupt verstehen. Verknüpfen entstehen ohne Einfluss des Willens, gleitende Bedeutungen, die sich als weißes Rauschen in uns entfalten. Und wenn wir entziffern, was bereits durch uns hindurch gewoben wurde, erschrecken wir, denn der/die Andere ist nicht in unserer Kontrolle, könnte uns verletzen, selbst ohne dass er oder wir es je bemerken. Der Erwerb von Wissen erfolgt über die Unberechenbarkeit einer/-s Anderen, der uns unterwift und vereinzelt, subjektifiziert (im Englischen behält der Begriff „subject“ diese Doppeldeutigkeit), sobald wir in eine Welt der Zeichen getaucht werden und mit diesen hantieren. Diese grundlegende Unsicherheit gegenüber dem, was uns mit Wissen versorgt wird internalisiert – und wir werden sowohl dem Wissen als auch dem Unwissen überdrüssig. Wissen und dessen Abwesenheit werden zu Bedrohungen (weil dieses uns verändern könnte – und auch wenn wir nicht genau wissen, was wir sind, würden wir lieber beim bekannten Unbekannten bleiben, als beim voll-und-ganz Unbekannten). [read on]

Alles ist verbunden und verschmilzt ineinander...

Es gibt ein Begehren, nicht zu wissen, das durch den Erwerb von Wissen selbst hervorgebracht wird, ein Wunsch nach Auslöschung dessen, was wir womöglich nicht wissen wollen würden. Wer ist diese(r) Andere? Wir wissen es nicht, doch stellen ihn uns vor als jemanden, der freier als wir sein könnte, der etwas begehrt, was uns entflieht, und zumindest als jemanden, der uns durch seine Interpellationen, seine Anrufe, auffordert zu sprechen, dabei die Realität der Sprache auf unsere innere Unschärfe auferlegend. Wissen und Paranoia oszillieren und gelegentlich verschmelzen sie. Der Exzess an Gewissheit, den Paranoia generiert ist nur eine Reaktion auf die Unsicherheit, die um das, was wir sicher wissen, verbleibt.

Im Streben nach Wissen identifizieren wir uns mit diesem angenommenen Begehren des/-r Anderen und doch würden wir uns zugleich wünschen, dass er verschwindet. Hierin liegt eine Art Gewalt: wir werden zu dem, was wir sind durch die/den Anderen, er macht uns zum Subjekt – aber verbleibt fremd. Wissen oder Nicht-Wissen ist die Frage, die uns im Feld des Wissenden hält. Die Paranoia des Wissens selbst ist die Angst vor dem Wissen der/-s Anderen und seinem uns entgleitenden Begehren. Sie ist allerdings auch das Entsetzen, was mit manchen Erkenntnissen einhergeht – das Grauen, etwas zu wissen, das wir lieber nicht wissen würden, eine Wahrheit, die es uns unmöglich macht zu einem vorherigen, womöglich komfortableren Selbst, zurückzukehren. Wenn wir zu Wissenden werden, sind wir konfrontiert mit der Entfremdung gegenüber einer/-m Anderen, der wir zugleich sind. Diese Ambivalenz, dieser Mangel in unserem imaginierten Ego, der nicht gesagt werden kann, das Verstummen inmitten des Diskurses, der uns hervorbringt, ist das Zentrum der Beziehung zwischen Wissen und Paranoia, angereichert mit Aggression als Abwehrmechanismus, einer Negation von allem, das gewusst wird, als erste Aneignung.

Paranoia, insofern eine Reaktion auf die Angst vor dem Begehren als Anspruch von außen, ist keine Wahnvorstellung, sondern vielmehr eine Art basaler Mechanismus, der unseren eigenen mangel verdeckt, ihn in Agression und Exzess gegenüber einer/-s Anderen, die/der vermeintlich weiß, tränkt. In paranoider Phantasie ist es zumeist ein/e generalisierte/r Anderer, eine opake Regierungsstruktur, jemand hinter den CCTV-Kameras, doch am Ende sind dies alles Platzhalter – der Sitz ist leer, die/der phantasmatische Andere generisch.

Die Veränderbarkeit paranoider Verfolgungsphantasien verweist darauf, die/der einfachste phantasierte Andere ist oftmals die Position, die von einer Gesellschaft als machthabend bezeichnemd wird, aber es könnte stattdessen jedwede/r Andere sein, den wir dafür verantwortlich machen, Andersartigkeit in uns geschaffen zu haben. Über die Inflation der Macht der/s Anderen gewinnt das Ego selbst an Macht, in der Aggression, die sich durch die Phantasie legitimiert. [read on]

Er wird dich finden...
siehst du es nicht?

Paranoia begleitet alles, was mit Gewissheit verknüpft ist – sei es ein Archiv, dass Materialien aufbewahren will trotz der Sicherheit des Verfalls und Unsicherheit der Zukunft – oder Politik. Politik, als Versuch, wenn es nicht Gewissheit ist, zumindest Wahrscheinlichkeit aufzustellen, temporäre Sicherheit im Hinblick auf die Zukunft, hat auch eine gewisse Paranoia als Begleiter.

Oftmals haben theoretische Versuche der politischen Intervention, der Kritik oder anderen Teilhabe am Diskurs, Schwierigkeiten, sich zu dieser Paranoia zu verhalten – von völliger Leugnung von dessen Existenz bis zu einem Kulturpessimismus reichend, heimgesucht von einer Lust, Verfall und bevorstehende dunkle Zeiten zu predigen. Wie sähe eine Politik der Paranoia aus? Kann es diese überhaupt geben oder wäre dies nicht selbst paranoid?

In Zeiten, in denen der Silicon-Valley-Solutionismus den Tod „lösen“ will, in seiner einseitigen Reduktion des Leidens auf das Schicksal von Elite-Entrepreneurs, welche die Welt zu einem besseren Ort machen wollen („a better place“), anstatt über die Strukturen nachzudenken, die ein Leiden in die Leben anderer, anderswo einschreiben – scheint es sinnvoll, über die Position von Paranoia in unserer Politik nachzudenken. [read on]

Hobby-Zeichnungen der warehouse-Kuration
...eine weitere Hobby-Zeichnung, die ziemlich nach einem fMRI-Scan eines schizophrenen Hirns aussieht

In der Integration von Paranoia als Denkfeld in unsere kuratorische Praxis liegt der Versuch, sie zeitweilig in den Vordergrund zu rücken, um dessen Einfluss im Hintergrund zu minimieren. Man könnte von einer „Durchquerung des Phantasmas“ sprechen, das der/die Andere in uns auslöst, eine Art Durcharbeiten, aber vor allem ist es ein experimenteller Rahmen, in dem man Wege der Anerkennung von Paranoia in unserer Gesellschaft erproben kann, ohne ihr einen Einfluss zu geben, den sie, für jedwede emanzipatorische Politik, nicht besitzen sollte.

Dies ist nur ein formaler Rahmen, getrennt von politischem Handeln, der aber womöglich eine Reibung auslösen kann, die, wenn sie denn nicht zur Handlung verführt, zumindest ein Nachdenken und ein Wachhalten der Frage erlaubt.

Am Ende sollte jedwede Politik der Paranoia versuchen, zu einem anderen Begriff der/s Anderen zu gelangen. Statt des Phantasmas, des Exotismus, der merkwürdig ambivalenten Faszination, die wir auf die/den Fremden vor und in uns projizieren, sollte diese/r Andere für das, was er für uns ist, verstanden werden: lediglich ein Ort, ein Ort an dem wir uns aufgebaut haben, an dem wir uns lediglich aufrecht halten können, indem wir nicht auf unser Begehren verzichten, sondern es, ohne Verfärbung durch unsere Kolonisierung des Fremden, in unsere Praxis einschreiben.

Diagramme schaffen wirklich Klarheit...