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Jedermann

von Katharina Pethke,  verfügbar 12.9.-26.9.17,  ausgewählt und interviewt von Pujan Karambeigi
Katharina Pethke, Jedermann, 2016, film still, Courtesy: The Artist

“Verändern, Philipp verändern, verändern!” befiehlt der Fotograf während er den Star-Schauspieler Philipp Hochmair für die Premieren-Fotos inszeniert. Intim und behutsam folgt der Film Hochmairs professionellem Identitätschaos, seinen exzessiven Rollen, seinem reibungslosen Exhibitionismus.
Von einem Schauspieler, der auf allen denkbaren Ebenen konstruiert und dekonstruiert (wird), dessen Selbstbild sich aufzulösen droht, und an deren Ende vielleicht genau darin seine Chance liegt: Niemand sein bedeutet, Jedermann sein zu können [weiterlesen].

Katharina Pethke, Jedermann, 2016, film still, Courtesy: The Artist

Pujan Karambeigi: Könntest du etwas dazu sagen, wie es war mit einem so professionellen Schauspieler auf die Suche nach ihm selbst zu gehen? Wie kann man sich deine Anweisungen und deine Versuchsanordnung vorstellen? Oder, etwas anders, hast du überhaupt versucht seinen Rollenspielen etwas entgegen zu setzen?

Katharina Pethke: Ersteinmal bin ich nicht davon ausgegangen, dass es „etwas Verborgenes“, eine hinter den Rollen liegende Identität gibt, die ich nur aufdecken muss. Durch die Auseinandersetzung mit Philipp habe ich begriffen, dass die Vorstellung von Identität nicht unbedingt zwiebelartig sein muss, sondern vielleicht netzartig: Das Eine bedingt das Andere, beflügelt und vernichtet es auch. Das ist wohl der innere Bürgerkrieg, von dem er dann auch spricht. Deshalb war es für mich auch überhaupt keine Option, eine klassische Doku zu machen, in der man den Schauspieler zuhause zeigt und beim Textlernen und so weiter und so fort. Die Herausforderung war, das alles ebenbürtig zu behandeln. Passenderweise hat Philipp genau zu jener Zeit in einer postdramatischen Inszenierung den JEDERMANN erarbeitet, in der er als One-Man-Show alle Rollen erfüllt. Das passte natürlich sehr gut.

PK: “Identitätschaos, Identitätschaos, ich wiederhole, Identitätschaos,” spricht Philipp Hochmair vor dem Publikum in Wien, während wir zuschauen, wie die Kamera den weichen Biegungen einer Straße folgt. Wie sind die Tonspur und die Bildspur jeweils entstanden?

KP: Ich habe Philipp über ein Jahr mit einem Tongerät ausgestattet, das er wie eine Art Tagebuch behandeln konnte. Manchmal habe ich Fragen gestellt oder kleinere Anweisungen gegeben, aber grundsätzlich habe ich erst einmal geschaut, was da passiert, wenn es diesen Raum gibt, den er auf seine ganz eigene Weise, quasi monologisch, in Konfrontation mit sich oder den Rollen, füllen muss. Da sind zum Teil absurde, lustige, aber auch wirklich interessante Situationen entstanden, die ich dann auf einem Stick bekommen und verarbeitet habe. Es war für mich eine Methode, mit Philipps unbedingtem Wunsch, gelenkt oder geführt zu werden, umzugehen, ohne dass ich zu viel Einfluss nehme. Meine Bilder sind dann erst viel später entstanden, als mögliche Antworten, als Konterpart, als Dialog.

Katharina Pethke, Jedermann, 2016, film still, Courtesy: The Artist

PK: Gab es einen Moment, in dem du das ganze Projekt hinschmeißen wolltest? In dem sich der ‚innere Bürgerkrieg’ des Jedermann plötzlich auf den Film gewendet hat?

KP: Ich war schon erstaunt, als klar war, dass im Leben von Philipp eigentlich alles Spiel ist und bleiben wird. Ist dann Identität in dem Fall doch nicht als Netz zu begreifen, sondern vielmehr als ein Vakuum umhüllendes Panzergerüst? Oder ein Fließendes, nicht greifbares Luftgebilde?
Mir war recht schnell klar, dass ich mit diesem vermeintlichen Unvermögen, dieses Fließende, nicht Greifbare „feststellen“ und dingfest machen zu können, arbeiten muss. Dass ich diese Setzung nehmen muss und damit arbeiten will. Also habe ich diese Frustration für mich umgedeutet.

PK: Der Titel deines Films sowie ein Teil der von Philipp Hochmair gesprochenen Wörter stammen von Hofmannsthals Jedermann, einem Stück, in dem es um Exzess, Bekennen und Vergebung geht. Am Ende des Stücks findet Jedermann bekanntermaßen durch seine Werke und seinen Glauben zurück zu Gott, um daraufhin (entgegen aller Erwartungen) als reuiger Christ in den Himmel zu kommen.
Ich kann nicht genau sagen warum, aber irgendwie kommt es mir vor als würde die letzte Szene diesen Erlösungsmoment zitieren.

KP: Die Szene, in der Philipp die Maske abnimmt, ganz erschöpft von seinem Spiel, in der Nüchternheit seiner Umkleidekabine und dann dieses Spiel aber nicht aufhören kann, weil ich da sitze und die Kamera auf ihn gerichtet habe, und damit ein Spiel mit diesem Zustand beginnt – das ist dann vielleicht der Moment, an dem ich am nächsten dran war. Und er vielleicht auch.

Katharina Pethke, 1979 in Hamburg geboren, ist Filmemacherin und Professorin an der HFBK Hamburg. Sie studierte Germanistik und Kunstgeschichte und Film an der KHM. In ihrem international anerkannten Diplomfilm Louisa porträtierte Sie ihre taub gewordene Schwester, die sich mit zwanzig dazu entschied, Zeichensprache zu lernen. Als Autorenfilmemacherin hat Katharina Pethke für den deutschen Rundfunk Arbeiten realisiert und ihre eigenen Dokumentarfilme produziert.