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Ein Paradigma der conditio humana, angewandt auf Kunst und Künstler_innen

von Dirk Backer,  übersetzt von Pierre Schwarzer

A – Adaptation

Mit Ort, Zeit, Materie und Technologie muss man arbeiten und sich an sie anpassen, auch wenn sie neu entworfen werden. Ein Kunstwerk muss in einer bestimmen Wirklichkeit realisiert werden. Tino Sehgals künstlerische Praxis ist ein Beweis dafür. Ein geflüstertes Wort in den Ohren der Besucher_innen, das ihnen so lange gehört, wie es noch nicht weitergegeben wird, durch ein Flüstern an Andere oder durch dessen Zerstörung durch lautes Aussprechen, ist ein materialisiertes Kunstwerk wie jedes andere. Ein Kunstwerk muss an die Realität heranreichen, um Realität zu gewinnen. Dies trifft zu für Rahmen und Fläche, für Seite und Word, für Bühne und Geste, für Leinwand und Schnitt, für das Instrument, den Klang und die Pause. Künstler_innen sind immer auch Handwerker, Bastler, Ingenieurinnen. Im Kittel, mit hochgerollten Ärmeln, gewappnet mit Sicherheitsbrille, geschärften Ohren und Sinn für Details, sind sie verfangen in einer poetischen Praxis.

G – Goal-attainment

Jedes Foto einer Künstlerin im Atelier oder eines Schauspielers auf dessen Bühne zeigt Individuen, die sich nicht notwendigerweise amüsieren, aber sicherlich wissen, was sie tun, Schritt für Schritt, selbst wenn diese klein sind. Wenn das, was sie tun und als nächstes tun, nicht als ein zu erreichendes Ziel oder zu korrigierenden Schritt zu einem anderen, erst jetzt vorstellbaren Ziel vorgestellt werden kann, passiert nichts. Künstler_innen sind Individuen, die durch ihre Organismen und Gehirne daran gebunden sind, das, was sie tun, auf eine gewisse Weise zu wollen. Es muss ihnen nicht gefallen. Es muss sie nicht überzeugen. Doch sie müssen es irgendwie wollen. In der Kunst und anderorts, sind Menschen im Spiel, deren Handlungs- und Situationsorientierung durch ihre vorrausschauende Kodierung („predictive coding“) von Handlung und Situation, geleitet ist. Sie investieren Zweifel, Verzögerung und Diversion zur Veränderung von Ort, Situation und sich selbst. Doch wenn es nichts zu sehen, vorzustellen, oder zu wünschen gibt, hören sie auf zu handeln. Womöglich hören sie auf, zu denken. Sie könnten aufhören, zu wissen, was sie tun. Doch wenn Körper und Hirn nicht das begrüßen, was darauffolgt, pausiert deren Arbeit, wenn sie nicht gänzlich stoppt.

I – Integration

Eine ästhetische Weltanschauung mag dagegen rebellieren, doch es gibt andere Handlungen in der Welt, bevor ein Kunstwerk das Tageslicht erblickt, während ein Werk bewundernd betrachtet wird und wenn es bereits fast vergessen ist. Produktion und Rezeption von Kunstwerken durch ihre Produzentinnen und ihre Publika sind nur Ereignisse inmitten einer Vielzahl anderer Ereignisse mit denselben oder anderen Partnern in anderen Feldern des Sozialen. Daher müssen Künste und Kunstobjekte in ihrer Gemeinschaft und Gesellschaft integriert werden. Es gibt viele Arten, integriert zu werden. Achtung ist eine Weise, Ablehnung eine andere, Verfolgung und Zerstörung eine dritte. Es gibt keinerlei Bedeutung von Kunst und Werken ohne ihre Beziehung zu den Bedeutungen anderer sozialer Aktivitäten, seien sie ökonomisch, politisch, rechtlich, erzieherisch, erotisch, religiös oder wissenschaftlich. Die meisten dieser Beziehungen sind, glücklicherweise, Beziehungen bestimmter Indifferenz oder einer Art nachlässiger Toleranz. Doch jede dieser Beziehungen kann jederzeit aufdringlich werden. Weitere kontingente Beziehungen kommen hinzu, wie jene zu Organisationen wie Galerien, Sammlern, Museen, die Kunst und Werke kaufen, bekämpfen, vermeiden, akzeptieren oder verändern wollen, und jene zu einem hochgradig diversen Alltagsverhalten, Verlinkung von Kunstwerken im Internet, Attacken in Museen oder auf der Straße, Werfen von faulen Tomaten und Eiern auf eine Bühne, auf der ein mißfälliges Stück gezeigt wird. Die soziale Umgebung ist komplex, jede Kunst muss mit ihr aufs Neue rechnen und kann nicht anders, als zu reagieren, selbst wenn dies auf höchst elitäre Weise geschieht.

L – Latent-pattern maintenance and conflict regulation

Doch es gibt Interdependenzunterbrechungen. Nicht alles ist jederzeit kontingent. Wir könnten es nicht aushalten. Normen und Werten greifen ein, auch im Bezug auf Künste und Kunstwerke. Meist sind sie latent, und werden zweifelhaft, sobald sie manifest werden. Doch in dem Moment, in dem ein Konflikt sichtbar wird, ein Kunstwerk Gefühle angreift oder von anderen für dessen, wenn auch flüchtige, Notwendigkeit, verteidigt wird, werden Werte aufgerufen, um bestimmte Handlungen zu rahmen und ihnen Legitimität zu verleihen. Diese Werte sind nie eindeutig, auch wenn dies behauptet wird. Sie kollidieren mit anderen Werten und müssen gegenüber anderen Werten abgewogen werden. Doch es gibt sie, sie können negiert, jedoch nicht zerstört werden. Nehmen wir erneut Sehgals geflüsterte Worte als Beispiel. Sie behaupten, Kunst sei sein eigener Wert. Sie zelebrieren die Zeit, die Besucher in einer Galerie verbringen. Sie schätzen die Künstler_in wegen genau der Art und Weise, in der sie ihre Kunst betreibt. Sobald Kritik aufkommt, werden diese latenten Werte manifest. Man ruft sie auf, um einen Streit zu führen, von dem man in dem Moment, in dem man ihn führt, bereits weiß, dass er – im Fall der Kunst – unentscheidbar ist.

Doch, und dies ist mein Punkt in dieser Skizze von Talcott Parsons paradigm der human conditio (vgl. Action Theory and the Human Condition, New York, 1978), angewandt auf Kunst, ist es lediglich die L-Funktion der vier innerhalb des AGIL-Schemas, die sich für ästhetische oder andere Diskussionen eignet. Die anderen drei Funktionen müssen erfüllt sein, bevor Kunst sich überhaupt als solche zeigen kann. Diese anderen drei Funktionen sind (i) Anpassung an Materie, Natur und Technologie (A), (ii) die Zielorientierung der beteiligten organischen, neuronalen und mentalen Systeme (G), und (iii) eine Integration jedweder Kunsthandlung mit allen anderen für wichtig, nützlich oder möglich oder auch unwichtig, nutzlos oder unmöglich befunden Handlungen innerhalb einer Gesellschaft, Kultur und Zivilisation.

Ausblick

Parsons Anpassungsfunktion berücksichtigte das „physisch-chemische System“, das jede menschliche Handlung stützt, rahmt und einschränkt. Mittlerweile müssen zu diesem eine große Bandbreite von Technologien gezählt werden, die menschliche Handlungen sowohl beschränken als auch Produkt dieser Handlungen sind – denn die physisch-chemische Umgebung wird seit Beginn der Zivilisation von menschlichen Handlungen geprägt und verändert. Künste sind heute nicht mehr der unumstrittene Ausweis einer mehr oder weniger autonomen Hochkultur. Sie nehmen wieder jenen Charakter poetische Eingriffe in die Wirklichkeit an, den man von jeher mit dem griechischen Stichwort der téchne verbunden hat. Damit werden sie jedoch paradigmatisch für den Versuch der Menschen, die eigenen Werke, deren Einschränkungen und Möglichkeiten daraufhin zu untersuchen, wie Menschen (i) sich an materielle und technische Umgebungen anpassen, (ii) ihre organische, neuronale und mentale Orientierung in der Welt verändert sehen, (iii) Künste sich in der sozialen Umwelt von Gemeinschaften, Milieus und Bewegungen differenzieren und so in diese Umwelt einbetten und (iv) Menschen um die Kunst und mit der Kunst streiten, um nach Normen und Werten zu suchen, sie zu verteidigen und sie zu fördern. Eine großartige Zeit für eine Soziologie der Künste.

Dirk Baecker ist ein deutscher Soziologe, Lehrstuhlinhaber für Kulturtheorie und Management, sowie Dekan der Fakultät für Kulturreflexion der Universität Witten/Herdecke. Nach seinem Studium der Soziologie und Politischen Ökonomie promovierte er in Bielefeld bei Niklas Luhmann. Er lehrte unter anderem in Stanford und an der London School of Economics. Seine letzten Arbeiten drehen sich um Soziologien der Kunst, des Managements und neuer Medien. Unter seinen letzten Veröffentlichungen finden sich Wozu Theorie? (Suhrkamp, 2016) und Produktkalkül (2017, Merve).