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Die Maske bestimmt zu verlieren

von Daniela Seel, interviewt von Max Wallenhorst

Unwahrscheinlich wie Essbarkeit aber so rücke ich auf.
Die Enden treffen ohne abzusetzen eine Umarmung
und mithin Äpfel, Flaum von – wird es? – Liebe als ihrer Kritik.
(Verließen Sie hier den Ausstellungsraum, Ihre Münder gingen in Rauch auf.)
Ein Frühlingsregen, ihm vertraue ich mit meinem Leben.
Dass Mammutbaumsamen nach Feuer erst reifen – zwei Küken dafür?
Als Taufe aus einem Brauch zu schlüpfen,
dazwischenzupicken, bräche denn Essbarkeit an.
Ich küsse dich, liebster Untröstlich!
Sanft wie Kalk einer Schale, daran Veräußertes
Apfel wird, Zapfen, anfänglich vom Dinosaurierei.

 

 

 

Weh, wie mich verschwenden, kündig mir
meinen Gehorsam auf, aber wem gegenüber?
Trägerlos ihre Hemdchen, ein Dunst nur, glimmendes
Diadem, gegen ein schmächtiges Ufer
gedreht, als kennte Sex keine Passivität.

Sollst nicht halten, sollst dauern, dauern.
Immer noch ein geräumiges Ausblasen lang.

Doch über Gründen ‒ Auspizien gelesen
aus Linsen, drin atemlos gackern
die Ungeschlüpften, die in mich Geschickten,
dass ich nicht schlafen kann.

Unverfügbar bist ‒
Kind keiner Mutter, Glücksdämon, Pflicht?

‒Schh‒schhh‒

 

 

 

Hab zum Ebenstrauß aufgeholt,
Kohlblättchens saumselige Adern, ungelenk
gegen dich, unter schrecklichen, tapsigen Schatten
‒ Geduld. Kaum an der Flanke
der Hand und schmeichelt vor Beschaffenheit,
fiebernd, dies Ruhen in sich.
Dass ich noch glaube mit Augen.
Wo Regen wird ‒ kein glimpfliches ewiglich,
zu grob meine Sprache,
tilgt. Auch trinke ich wenig und hege
mein heimliches Aufgetansein
aus der Fragezeit, die ein artiger Eifer verbraucht.
Blank stehen die Himmel von Zeit.
Doch die Rispen im Zimmer sind nicht
Erfindung, kommen im Koffer vom Schilfmeer her.
Fittiche, unter die du mich schüttelst,
du unter Niemandes Huld.
Dass bestritten ich sei in die Dauer,
dass du mich sicherst in deine Frist.

 

 

 

Zuerst unter Ahorn, älter noch,
älter und steigt

zum gefältelten Hochwald, zur Aufsässigkeit,
bis zur Tropfenform, zuerst ohne Zorn,

und bestellt mich
in ein Verhältnis.

Zuerst unter Riesen, mit ihren moosschuppig-
milchigen Flechtenwämsern ‒ warum bist du hier?

Die Maske bestimmt zu verlieren, ein Ritterspiel.

Ohne Entkommen, empor, ohne Seele
zuerst ‒ oder hab es nicht besser gewusst.

Von der Hand her, aus Hege
zuerst, aus Empfindlichkeit,

schäumende Schneegloriole,
weidete auf.

Darüber vergossen das Heiliggeistwasser.

So brüt ich, so räum ich dich aus.

Daniela Seel, geboren 1974 in Frankfurt/Main, lebt als Dichterin, Übersetzerin und Verlegerin in Berlin. Im Jahr 2000 gründete sie mit den Autor*innen Jan Böttcher, Alexander Gumz, Karla Reimert und Uljana Wolf KOOKread, den Literaturzweig des Künstlernetzwerks KOOK (heute: KOOK e.V.), daraus hervorgehend 2003 mit dem Buchkünstler und Illustrator Andreas Töpfer kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform. 2011 erschien ihr erster Gedichtband ich kann diese stelle nicht wiederfinden, 2015 was weißt du schon von prärie. Zahlreiche internationale Auftritte und Kollaborationen, u.a. mit dem Illustrator Andreas Töpfer, der Musikerin PLANNINGTOROCK, dem Tänzer David Bloom, den Dichtern Rick Reuther, Robert Stripling und SJ Fowler. Ihre Gedichte wurden ins Polnische, Englische, Slowakische, Tschechische, Französische, Norwegische, Italienische, Niederländische, Spanische, Schwedische, Dänische, Serbische und Kroatische übersetzt.

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Max Wallenhorst: Daniela, für mich wird in deinen Gedichten die Verschränkung von Körperlichkeit und Sprache immer wieder sehr gezielt angespielt – das, was daran kippelt genauso wie das, was träge bleibt. Gleichzeitig ist mein Eindruck, dass sich deine Vorgehensweise dabei von deinem ersten Band „ich kann diese stelle nicht wiederfinden“ über deinen zweiten Band bis hin zu diesen ganz neuen Gedichten sehr verändert hat: Wo vorher die „präzis beschädigten zelle“ vielleicht eher vorsichtig ertastet wurde, rangieren die neuen Texte in ganz anderen Registern: Es wird untröstlich geküsst und gebrütet. Kannst du beschreiben, warum du dich hier durch ein Wortmaterial bewegst, das andere Lyriker*innen als zu, naja, kontaminiert abtun würden? Oder stellt sich das alles für dich überhaupt ganz anders dar?:)

Daniela Seel: Mehr als in den früheren Gedichten interessiert mich bei den jüngeren eine historische Schichtung des Sprachmaterials. Was geschieht mit den heutigen Körpern, wenn ich sie mit „archaischen“ Begriffen wie „Hege“ kurzschließe, wenn ich Küken das Taufen aufmischen lasse? Und dann die Präpositionen, was für tolle Stellschrauben. Als „Verhältniswörter“ setzen sie die sprachlichen Gegenstände zueinander in Beziehung, ordnen, strukturieren, hierarchisieren, definieren Vorder- und Hintergründe und gemeinsamen Raum. Das hat mich schon lange sehr fasziniert. Und in den neuen Texten untersuche ich das eingehender. Die Art, wie sie dynamisieren können, auf eine subtilere, weniger offensichtliche Weise als Verben. Syntaktische Strukturen und wie sie ausgespielt werden, sind für mich deutlich politisch. Die Arbeit am (Gedicht-)Körper und seinen Emanzipationen ist für mich daher ganz klar auch eine an den Sprachstrukturen. An Substantiven wiederum reizt mich sowohl ihre Sperrigkeit als auch ihre Anschaulichkeit. Was für eine fantastische Sache, dass das Deutsche quasi endlos neue Substantive hervorbringen kann, neue Körperlichkeiten, Ideen, Möglichkeitsformen, oder überkommene aufrauen, durch ein sanftes Verschieben, oder auch durch Entkleidung. Etwa die rohe Idee von Essbarkeit, welche erdgeschichtlichen Dramen spielen sich an ihr ab. Solche Abstrakta sind zugleich leer und in ihrer Leere irrwitzige Füllhörner. Für das Gedicht „Hab zum Ebenstrauß aufgeholt“ habe ich mich insbesondere mit Psalm-Übersetzungen ‒ zu Ps 13, 74 und 136 ‒ beschäftigt, nämlich Luther und Buber verglichen, mit der These, dass Luther ein viel weniger ausgereiftes Verständnis von Zeit hat als Buber. Auch im Blick auf die Versammler-(Kohelet-)Übersetzungen geht es für mich hier um das Verhältnis von Luthers eher schwammiger „Zeit“ und „Ewigkeit“ zu Bubers „Dauer“ als göttlicher Zeit gegenüber unserer menschlichen „Frist“. Was macht es mit dem menschlichen oder auch nur dem eigenen Denken, so vom Ende her zu schauen, der eigenen Begrenzung, auf Uneinsehbares, Unverfügbares? Gedichte formal in Korrespondenz mit Gebeten zu begreifen, ist ja nichts Neues. Mich begeistern in diesem Zusammenhang besonders die mitunter als Läster- oder Spottgebete bezeichneten Gedichte Lavants. Wie verändert sich das Selbstverhältnis meiner mehrstimmigen Selbstbefragung Gedicht, wenn seine Adresse auch „Gott“ genannt werden könnte? Entsteht vielleicht eine fruchtbare Symbiose aus Hybris und Demut? Insofern: ein dreckiges Ja zur Kontamination.

MW: An mehreren Stellen, zum Beispiel In der Poetry-Ausgabe von Texte zur Kunst ist aktuell von einem poetic turn die Rede, der auch kulturelle Felder jenseits des Literaturbetriebs erfasse. Darauf angesprochen äußerst du dich im Heft dem gegenüber, wenn ich es richtig verstehe, eher ambivalent, gerade dann, wenn damit eine Erhöhung der Unmittelbarkeit verbunden wird – als wäre Dichtung klischeehaft auf Authentizität abonniert. Könntest du dir umgekehrt vorstellen, wie gerade die spezifische Vermittlung und Mittelbarkeit von text-basierten Arbeiten die Diskurse von Körperlichkeit, Gender und Repräsentation in Kunst- und Performancediskursen verändern könnten?

DS: In einem Interview, das ich unlängst mit Yevgenia Belorusets und Charlotte Warsen geführt habe, sprachen beide von dem zunehmenden Druck insbesondere auf bildende Künstler*innen, durch ihre ‒ dokumentarischen, aber nicht nur ‒ Arbeiten unter anderem „Nähe zu erzeugen, die letztlich gar nicht da ist; Distanz zu überbrücken, Ferne nicht auszuhalten, sondern etwas nah ranzuzoomen, was vielleicht gar nicht ranzoombar ist“. Um etwas Ähnliches scheint es mir beim poetic turn zu gehen: eine bestehende existenzielle Verunsicherung durch quasi sanktionierte Gefühle aushaltbarer oder überhaupt handhabbar zu machen. Und das sehe ich durchaus kritisch. Zum Beispiel besteht hier eine ungute Parallele zur emotional labour und Sorgearbeit, wie sie traditionell Frauen unterschwellig und unbezahlt aufgebürdet wird. Auch wird unterschlagen, dass Sprache eben nicht unmittelbar existiert, sondern hochgradig systemisch organisiert ist, überindividuell. Auf das kollektiv Gemachte hinzuweisen, bedeutet insofern auch, auf die Veränderbarkeit der Verhältnisse zu zeigen. Wenn es bloß ums (Wohl-)Fühlen ginge, wäre die Poesie wirklich nur ein bürgerlicher Eskapismus und der poetic turn ein Luxusgut für die Gesättigten. Demgegenüber möchte ich Gedichte auch als Instrumente des Denkens und der Distanzierung, der Ambivalenz und Krise und des nicht Aushaltbaren stark machen. Gedichte sind so sehr Sprechakte und stimmliche Äußerungen wie sie abstrakte Texturen sind, zugleich verständlich und in ihren Bedeutungen uneinholbar. Ich wende mich ihnen zu, verinnerliche sie, und doch bleiben sie veräußert, Aufgabe, Antrag, uneingelöstes Angesprochensein, das mich fordert. Pathetisch gesagt: utopische Räume eines Befremdens.