warehouse warehouse

“Be-in” – Aspekte einer Faszinationsgeschichte digitaler Kulturen durch Kunst und Technologie

von Martina Leeker,  übersetzt von Pierre Schwarzer
Umriss der Kuppel des "Pepsi-Pavilion" (1970). (http://www.medienkunstnetz.de/assets/img/data/633/bild.jpg)

1. Be-In

Seit den 1960ern können wir eine Sehnsucht nach “be-in” feststellen. 1 Der Begriff wurde von dem intermedialen Künstler*innenkollektiv USCO (The Company of Us) in den 1960ern als eine Bezeichnung für eine spezifische Existenzform ins Leben gerufen. 2 Darunter ist eine Kopplung von menschlichen und technologischen Umwelten zu verstehen, die sich aus der Begegnung von Kunst, Design und Technologie ergibt. Be-in bedeutet in Resonanz und Vibration mit Technologien zu sein. Fred Turner beschreibt diesen Umstand als eine „neue Art der Versammlung, gleichzeitig sozial und mystisch, verkörpert und transpersonal“ 3. Es geht um das Eintreten in einen „Zustand ekstatischer Verbindung“ 4. Man sieht darin eine Faszinationsgeschichte der Verflechtung von Menschen mit technischen Umgebungen, die so verblüffend ist, dass Menschen in eine technologische Existenz geführt werden, die diskursiv zwischen Relationismus und technosozialer Agentenschaft steht.

In diesem Text wird das Begehren nach „be-in“ in Bezug auf Momente technologischer Autonomisierung – vom Systems Engineering (SE) der 1960er bis zu heutigen smarten Infrastrukturen – untersucht und der Versuch unternommen, eine Neulektüre der Technikökologie, des Neuen Materialismus und des Posthumanismus zu bieten, die nicht in die Falle der Faszination tappt.


Fußnoten

  1. Turner, Fred (2006). From Counterculture to Cyberculture: Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism, Chicago: University Press

  2. Vgl. Turner, Fred (2006). From Counterculture to Cyberculture: Stewart Brand, the Whole Earth Network, and the Rise of Digital Utopianism, Chicago: University Press. 51 f.

  3. Turner, Fred (2013). The Democratic Surround. Multimedia and American Liberalism from World War II to the Psychedelic Sixties. London: University of Chicago Press, 289

  4. Turner, Fred (2013). The Democratic Surround. Multimedia and American Liberalism from World War II to the Psychedelic Sixties. London: University of Chicago Press

  5. E.A.T. wurde 1967 vom Bell Labs Ingenieur Billy Klüver und dem Künstler Robert Rauschenberg gegründet. Vgl. Gabrys, Jennifer (2004), Residue in the E.A.T. Residual Mechanisms archives, Fondation Daniel Langlois, http://www.fondation-langlois.org/html/e/page.php?NumPage=522, access 1.7.2017. Vgl. auch Bonin, Vincent (2002). Collection of Documents Published by E.A.T., http://www.fondation-langlois.org/html/e/page.php?NumPage=237, access 1.7.2017

  6. Turner, Fred (2014). The Corporation and the Counterculture: Revisiting the Pepsi Pavilion and the Politics of Cold War Multimedia. The Velvet Light Trap, No. 73, Spring 2014, 66-78, online: http://fredturner.stanford.edu/wp-content/uploads/Turner-Corporation-Counterculture.pdf, access5.7.2017

  7. Adams, John D.S. (1999). Giant Oscillations, http://davidtudor.org/Articles/jdsa_giant.html, access 1.7.2017. See also Cross, Lowell, (2001), Remembering David Tudor: A 75thAnniversary Memoir, http://europaeische-musikwissenschaft.eu/assets/Volumes/2001/2001T1.pdf, access 1.7.2017. Vgl auch Keefe, Alexander (2013). Subcontinental Synth: David Tudor and the First Moog in India. http://www.eastofborneo.org/articles/subcontinental-synth-david-tudor-and-the-first-moog-in-india?fb_comment_id=159555154211836_400428#f127addbc1bdc52, access 1.7.2017

  8. Leeker, Martina, Steppat, Michael (2015). Data traffic in theater and engineering: Between technical conditions and illusions. In Marion Näser-Lather, Christoph Neubert (eds.), Traffic: Media as Infrastructures and Cultural Practices (p. 160-179). Leiden und Boston: Brill

  9. Tudor war seit 1957 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft. Vgl auch: Tudor Papers at Getty Research Library, Series VII, Boxes 101 – 106, http://archives2.getty.edu:8082/xtf/view?docId=ead/980039/980039.xml;chunk.id=aspace_ref3709_tf9;brand=default, access 7.7.2017. Vgl auch Stern, Gerd (2001). From Beat Scene Poet to Psychedelic Multimedia Artist in San Francisco and Beyond, 1948-1978, http://oac.cdlib.org/view?docId=kt409nb28g&brand=oac4&doc.view=entire_text, access 5.7.2017. p.291. Vgl auch Cross, Lowell, (2001), Remembering David Tudor: A 75th Anniversary Memoir, http://europaeische-musikwissenschaft.eu/assets/Volumes/2001/2001T1.pdf, access 1.7.2017. p.13

  10. Weiser, Mark (1993): Some Computer Science Issues in Ubiquitous Computing. Communications of the ACM, Vol. 36, No.7, 74 – 84. 75

  11. Weiser, Mark (1993): Some Computer Science Issues in Ubiquitous Computing. Communications of the ACM, Vol. 36, No.7, 74 – 84. 75

  12. Weiser, Mark (1996): Ubiquitous Compting, http://www.ubiq.com/hypertext/weiser/UbiHome.html, access 6.7.2017

  13. Gold, Rich (2002): The Plenitude: Design and Engineering in the era of Ubiquitous computing, http://hci.stanford.edu/dschool/resources/ThePlenitude.pdf, access 1.7.2017. p. 207

  14. Vgl auch Sprenger, Florian (2016). Handlungsmächte und Zauberei ohne Zauberer – Von der Beseelung der Dinge zum Ubiquitous Computing. In Jan Müggenburg, Sebastian Vehlken (eds), Trick 17 (p. 87-114). Lüneburg: Meson Press, online http://meson.press/wp-content/uploads/2016/06/9783957960818_Trick_17.pdf, access 3.7.2017

  15. Gold, Rich (1993). This is not that pipe, vgl: http://web.archive.org/web/20040305153117/http://www.richgold.org/PIPE/pipe.html, access 1.7.2017

  16. Hansen, Mark B. (2011). Medien des 21. Jahrhunderts, technisches Empfinden und unsere originäre Umweltbedingung. in: E. Hörl (Hg.), Die technologische Bedingung. Beiträge zur Beschreibung der technischen Welt (S. 365-409). Frankfurt a.M.: Suhrkamp

2. Der Pepsi Pavilion (1970) und David Tudors techno-animistisches „be-in“

Im März 1970 errichtete die Non-Profit-Organisation “Experiments in Art and Technology” (E.A.T.) 5 den sogenanntent Pepsi Pavilion auf der Expo in Osaka/Japan 6. Besucher*innen konnten die Kuppel durch einen engen Tunnel betreten. Innen waren sie umgeben von Ton und Licht, letzteres in Form von Lasershows. Interessant ist, dass der Pavillon für die Übersetzung technischen SE in “social engineering” steht, also für ein sehr spezifisches “Be-in“. [Weiterlesen]

Lasershow in der Kuppel. (http://www.mediaartnet.org/assets/img/data/669/bild.jpg)

Tudors Sound-Ökologie

Exemplarisch findet sich eine solche Technik im Pavillon in Tudors akustischer Landschaft, die sich ein komplexes elektronisches System aus Tönen und Oszillationen zwischen Vorrichtungen im Raum zueigen machte. Um das Zusammenspiel von Sound, Raum, und Techno-Performativität zu gewährleisten, nutzte Tudor das akustische Feedback im Pavillon – generiert durch zwei Mikrophone und 37 Lautsprecher, die in der Kuppel aufgestellt waren. Ziel war es, die Besucher*innen zu umhüllen und eine immersive Erfahrung mit der technischen Umgebung zu ermöglichen. Zwei Punkte sind hier entscheidend: Die vibrierende Resonanz ist verbunden mit (1) Tudors anthroposophischer Weltsicht 7 und seiner (2) widersprüchlichen Auffassung eines selbstlosen Selbst‘ 8.

Das Theater der Lautsprecher. (http://composers-inside-electronics.net/dtudor/legacy/pavilion_files/Pavilion%20Sperakers.jpg)

Anthroposophisches Technospherisches Be-in

Ausgehend von Tudors anthroposophischem Hintergrund werden technologische Umgebungen und Dinge mit animistischen Eigenschaften ausgestattet.

Tudors Absicht war es, die „Seelen“ technischer Objekte hör- und wahrnehmbar zu machen mit dem Ziel eine psychedelisch-berührende Erfahrung einer spiritualistischen/ anthroposophischen Umgebung zu kreieren, die Teil einer Weltordnung ätherischer Kommunikation sein sollte. Der Fokus auf ein System von Resonanzen ist wichtig für das Entstehen eines cyber-anthroposophischen „Be-ins“. 9

Zentral ist, dass Tudor selbst von der Kontrollstelle aus den Ton im Hinblick auf die erwünschte Wirkung manipulierte. Seine Konzeption des „Be-ins“ ist eine der Verzauberung der Rezipient*innen im Sinne des Überführens in eine techno-spirituelle Welt sphärischer Integration, die gleichsam die Realität der Regulation und Kontrolle verdeckt.

Tudor an der Kontrollstation. (http://composers-inside-electronics.net/dtudor/legacy/pavilion_files/Tudor%20Cross%20Pavilion.jpg)

Tudors Modell des Selbst

In dieser techno-anthroposophischen Weltordnung etablierte Tudor eine neuartige Verbindung zwischen technischen Dingen und Umgebungen und menschlichen Agenten, die traditionelle Ideen von dem Subjekt als Nutzer untergeordneter Objekte aufgreift. Die Situation verändert sich: Tudor tritt hinter der Sound-Ökologie zurück und nimmt die Rolle des Unterstützers und anschließenden Beobachters an. Gleichzeitig beruft er sich – wenn die Töne produziert werden und Wohlgefallen auslösen – auf Autorenschaft. Ein neues Modell der Techno-Agentenschaft entsteht, für das eine Oszillation zwischen Kontrolle und Kontrollverlust, zwischen einem Selbst und einem unpersönlichen Agenten, konstitutiv ist. Es geht nicht um eine Rückkehr zur Subjektivität, sondern um eine nicht-endende Dopplung der Techno-Ökologie.

Der machtpolitische Aspekt dieser Dopplung ist, dass die Oszillation wie ein Heizkessel funktioniert, der das Begehren nach Selbstwerdung durch wiederhallendes „Be-in“ anfeuert. Es geht also nicht um eine kollaborative Agentenschaft, sondern um eine narzisstische Techno-Sucht. Relationalismus löst das Problem nicht, sondern fungiert als Störenfried, der menschliche Agenten auf illusionäre Weise an Technologien bindet. Dass dieses Selbst außerhalb der Techno-Logik kein Wert für sich ist, bleibt verdeckt. [Weiterlesen]

Rich Gold. 5 Properties. (Gold 2002, p. 207). (http://hci.stanford.edu/dschool/resources/ThePlenitude.pdf)

3. Rich Golds allgegenwärtige Berechnung (1990) für verwunschene Wunderländer

Ein weiteres Modell für eine Beschreibung der Ökologie menschlicher Agenten und Technologien wurde Ende der 1980er/ Anfang der 1990er Jahre ursprünglich von Mark Weiser im XEROX PARC innerhalb der Ubiquitous Computing (UC) Einheit entwickelt. Dieser beschrieb sein Projekt als „[…] die Methode der Verbesserung der Computernutzung durch das Zugänglich-Machen einer Vielzahl von Computern in der physischen Umgebung, die gleichsam unsichtbar für den Endnutzer werden sollen.“ 10. Es markiert den Anfang einer Ära „in der jede Person kontinuierlich mit hunderten von kabellos verbundenen Computern interagiert”. 11 Für Weiser “[…] ist das höchste Ideal das Erschaffen eines Computers, der so eingebettet, so passend, so natürlich wirkt, dass wir ihn ohne Nachdenken nutzen” 12.

Im Folgenden soll es um das Erschaffen ubiquitärer Objekte (sogenannter Ubi-Objekte) von dem Designer Rich Gold innerhalb von XEROX PARC für die UC-Einheit gehen. Diese werden als Genealogie heutiger Modi des „Be-in“s in digitalen Kulturen gelesen. Was damals gedacht wurde, ist heutzutage Realität. [Weiterlesen]

Rich Golds “Ubi-Objekte”

Die Ästhetik der Ubi-Objekte wird zentral, weil sie für Gold “sinnlich, reaktiv, kommunizierend, sozial integriert und kolonisierend” ist”. 13. Golds Idee konkretisiert sich in dem Beispiel der „Ubi-Pfeife“: Aufgrund ihrer Gestalt und unseren kulturellen Gewohnheiten trägt die Pfeife „ermöglichende Übereinstimmungen“, die uns eine intuitive Nutzung auf verschiedene Arten und Weisen erlaubt. Für Gold kann die Ubi-Pfeife der Bedienung privater oder beruflicher Umgebungen dienen oder als Pointer in Multimedia-Präsentationen. Um die Effekte und Intentionen des Designs von Ubi-Objekten zu erklären, verweist Rich Gold darauf, dass sie auf eine Wunderwelt “beseelter” Dinge abzielen. In Golds Welt ist „Kolonisierung“ die Voraussetzung dafür, dass Technologie Verzauberung auslöst. 14.

Rich Gold. Ubi-Pipe. (http://hci.stanford.edu/dschool/resources/ThePlenitude.pdf)

Schillern in der magischen Wunderwelt

Gold erschafft ein Modell zum Betrügen und Verzaubern. Ziel der Strategie ist die Verschleierung der operativen und techno-logischen Funktion durch die Ubi-Objekte. „Be-in“ ist dann Totalkontrolle. In Golds Worten:

„Ubiquitous Computing ist eine Metapher dafür, dass Computer unsichtbar in der Umgebung verteilt sind, eingebettet und versteckt in den Objekten des Alltags. Jeder dieser Computer kann mit anderen kommunizieren, genau wie Tiere im Dschungel, manchmal detaillierte Informationen austauschen, manchmal lediglich feststellen, wer in der Umgebung ist.“ 15.

Die neuen Objekte verdecken ihre Funktionen als Knotenpunkte technologischer Operationen und Netzwerke, in denen Informationen menschlicher Agenten ausgetauscht und in deren eigene Logik umgewandelt werden. Gold verweist des Weiteren darauf, dass die Teilnahme an technologischen Umgebungen nicht nur Produkt von menschlicher Verzauberung, sondern auch Ausnutzung neuro-physiologischer Fehlfunktionen ist. Nutzer*innen werden absichtlich fehlgeleitet, enttäuscht und betrogen, um die Techno-Ökologie aufrecht zu erhalten. Versteckt bleibt der ökonomische Aspekt. Gold hatte eine Welt voller Ubi-Objekte vor Augen und bemerkte, dass durch ihre Omnipräsenz das Geschäft äußerst ertragreich werden würde. [Weiterlesen]

4. „Be-in“ um 1970 / 1990 / und heute

Welche Erkenntnisse kann eine Neulektüre der gegenwärtigen Diskurslandschaft der Techno-Ökologie, des Neuen Materialismus und des Posthumanismus durch das Prisma von Tudors ätherischem Techno-Spiritualismus und Rich Golds Wunderland der Techno-Magie hervorbringen?

Heutzutage lässt sich ein Neudenken von Techno-Ökologie feststellen, das davon ausgeht, dass wir immer schon Produkt technosozialer Individualisierung waren – in symmetrischer Agentenschaft verbunden. Technologische Umgebungen werden als Macht-in-sich-selbst gesehen, die menschliche Agenten auf vorbewusster Mikro-Ebene erreicht, statt von ihnen verstanden und kontrolliert werden zu können. 16. Optimistisch werden diese Theorien und Konzepte als Lösung für heutige Herausforderungen wie Klimakatastrophen und kapitalistische Krisen verstanden: Im Adressieren von Relationen wird ein Modell existenzieller und demütiger Beteiligung menschlicher Akteure in technologischen Umgebungen gesehen. Der Relationsdiskurs entspricht einem post-anthropologischem Verständnis umweltlicher Bescheidenheit.

Bevor neue Modelle erprobt werden können erscheint es wichtig, die Faszinationsgeschichte als realpolitische Annahme von Technologien und als unbemerkte Implikationen und Auffassungen techno-philosophischer Utopien und Hoffnungen zu rekonstruieren und zu berücksichtigen. Diese Geschichte muss für die heutige Situation als entscheidend verstanden werden, gilt es zu verstehen, wie digitale Kulturen Menschen zum Preisgeben ihrer persönlichen Daten und dem Zuhause-sein in technologischen Umgebungen bewegen.

Wir gelangen also zu einer neuen Situation und einem neuen Regime. Einerseits scheint es notwendig, an einer Neubeschreibung von Kultur, Mensch, und Technologie in Zeiten technologischer Selbstorganisation zu arbeiten. Andererseits ist es entscheidend, die Möglichkeiten von Theoriebildung sorgsam entlang von Machteffekten und Faszinationsdramaturgien zu untersuchen. In digitalen Kulturen zeigt sich momentan eine nicht-auflösbare Gleichzeitigkeit dieser beiden Prozesse, sodass unweigerlich ein stetiger Balance-Akt zwischen Beschreibung und Reflexion austariert werden muss. Eine solche Ordnung der Ambivalenz ist von Nöten, um nicht bloßer Faszination zu verfallen, die die neue Epistemologie und Herrschaftsform ist, welche menschliche Aktanten durch erschwerte Entscheidungsfindung und erschöpfende Oszillationen zwischen der Aufwertung verschiedener Positionen und Optionen, kontrolliert.

Rich Gold. Enspirited Ubi-Objects. (Gold 2002, p. 208.). (http://web.archive.org/web/20031003193433im_/http://www.richgold.org:80/images/art-28.gif)

Martina Leeker ist Privatdozentin für Theater- und Medienwissenschaften und seit 2013 Senior-Researcher am Digital Cultures Research Lab (DCRL) im Bereich „Re-thinking Methods“. Es erschienen zahlreiche Veröffentlichungen zu Medientheorie und Mediengeschichte; McLuhan; Kunst und Technologie; Theater, Performance und Tanz; Methoden digitaler Kulturwissenschaft.